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Was ist Europäische Ethnologie?

zuletzt geändert: 11.08.10 GW

Die Europäische Ethnologie ist...

Die Europäische Ethnologie „ist eine jener Wissenschaften, in deren Zentrum das Interesse am Verständnis einzelner Phänomene steht, nicht die Formulierung allgemeiner Gesetze. […] Das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Kultur, zur Gesellschaft in der er lebt“ ist der Gegenstand der Ethnologie. (Franz Boas, 1932)


Europäische Ethnologie ist eine Kulturwissenschaft, die sich mit Lebensweisen und Lebenswelten in Europa beschäftigt – vor historischem Hintergrund wie in globalem Zusammenhang. Europäische Ethnolog/innen beobachten also markante gesellschaftliche Politikfelder und Kulturstile der Gegenwart, fragen nach deren sozial- und kulturgeschichtlichen Hintergründen, beziffern darin eingelagerte nationale und ethnische Bilder, stellen Bezüge her zu populären Stereotypen und zu medialem Wissen, zu Geschlechter- und Generationsverhältnissen und sie beobachten dabei städtische wie ländliche Räume, migrantische wie religiöse Bewegungen, soziale Praxen wie kulturelle Stile.

Diese lange Aufzählung zeigt, dass in den unterschiedlichsten Feldern „Kultur“ stets als Leitsystem menschlichen Denkens und Handelns verstanden wird. Damit meint Kultur also keinen Bestand an unveränderlichen Traditionen, Werten und Handlungsmustern, zielt nicht primär auf Hochkultur und Bildungsprivilegien, sondern handelt vor allem von dem, was Menschen in ihren Lebenswelten wahrnehmen, sagen und tun – und damit immer wieder neu aushandeln. Wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren, welche Verhältnisse sie zu unterschiedlichen sozialen und natürlichen Umwelten eingehen, welches Bild sie sich selbst von diesen Beziehungen machen: Diese scheinbar so einfachen Fragen nach der Alltagskultur und ihren Ordnungen stehen im Vordergrund des Interesses. Dabei können die Themen vielfältig und unterschiedlich sein: ein Hip-Hop Konzert oder ein Stadtfest, Street Art oder städtischer Strand, Arbeitswelt Krankenhaus oder Kaufhaus, Denkmalpflege oder Quartiersmanagement.

 

Wie arbeiten Europäische Ethnolog/innen, wenn sie forschen?

Weil es um den Alltag der Menschen geht, der sich täglich selbst neu „erfindet“, forschen wir nicht im Labor. Die Ethnologie führt keine künstlichen Experimente durch, weil sie eine Erfahrungswissenschaft ist, die zu beobachten und zu verstehen versucht. „Teilnehmende Beobachtung“ ist deshalb eine der wichtigsten Forschungsmethoden, die uns möglichst nahe an die sozialen Akteure heranbringen soll. Das heißt, dass wir über einen begrenzten Zeitraum hinweg an Lebensformen und Lebensausschnitten anderer aktiv teilnehmen. Wenn Jugendliche etwa durch ihren Kiez streifen, wenn sich Migrantenvereine in der Kulturpolitik engagieren oder wenn Patienten sich zu Selbsthilfegruppen formieren. Neben dem Teilnehmen und Beobachten sind also auch das Zuhören und das Fragen wichtig, denn das sind die Kompetenzen, die erst den engen Kontakt mit den Akteuren im Feld ermöglichen. Vorher sind jedoch auch Lesen und Text wichtig. Denn gerade weil die Forschungsfelder überschaubar sein sollen, um ein konkretes „Fenster“ in einem Themenfeld zu eröffnen, müssen sie vorher genau fixiert und eingegrenzt werden. Dazu ist die Kenntnis der einschlägigen Forschungsliteratur ebenso notwendig wie das Wissen um die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Und nicht in jedem Feld werden wir so nahe an die Akteure herankommen können, wie wir uns das wünschen: wirkliche „Teilnehmende Beobachtung“ ist etwa in einem Ministerium genauso schwierig wie unter Obdachlosen.

Diese Teilnehmende Beobachtung wird durch andere Methoden und technische Hilfsmittel ergänzt: durch den Einsatz von Forschungstagebüchern und Fotoapparaten, von Videokameras und Aufnahmegeräten, auch durch Wahrnehmungsspaziergänge oder durch die Erhebung von „mental maps“, also von „subjektiven“ Karten der Straßen und Bezirke, in denen die Menschen leben. Ziel ist es, deren Lebenshorizonte und Handlungslogiken besser zu verstehen. Deshalb geht es nicht darum, vor allem Statistiken zu erarbeiten oder soziale Repräsentativität herzustellen. Ethnologische Forschung bezieht sich vielmehr auf Arbeitsweisen, die dem „subjektiven“ Faktor mehr Raum geben, also den Erfahrungs- und Wahrnehmungsformen der Menschen selbst und den dabei sichtbar werdenden charakteristischen Merkmalen, Eigenarten und Routinen. Durchschnittswerte können Gesellschaft und Kultur nun einmal schlechter beschreiben und wiedergeben als charakteristische und signifikante Bilder menschlichen Handelns.

Am Ende der ethnologischen Forschung steht dann ein ethnografischer Text, der möglichst nahe an die Akteure heranführen und sie vor allem auch selbst zur Sprache kommen lassen will: in ihren Bildern und Erzählungen, in den bei ihnen beobachteten Handlungen und Ritualen. Im Glücksfall sind dies dann Texte, Bücher, Filme oder Ausstellungen, die nicht nur von wissenschaftlichem Interesse sind, sondern auch von den untersuchten Akteuren selbst gelesen und ihrerseits kommentiert werden können. Zugleich ist damit bereits auch eine Brücke geschlagen zu ethnologischen Berufsfeldern, die solches Wissen „professionell“ erheben und vermitteln.

Ein Fach - viele Namen

Europäische Ethnologie gibt es als BA- und MA-Studium nicht nur in Berlin, sondern in vielen anderen deutschen wie europäischen Universitätsstädten. Gerade im deutschsprachigen Raum sind aber auch noch andere Bezeichnungen gängig wie Volkskunde, Empirische Kulturwissenschaft oder Kulturanthropologie. Diese manchmal irritierende Namensvielfalt ist das Ergebnis von Richtungsdebatten innerhalb der Volks- und Völkerkunde, die seit den 1960er Jahren geführt werden und bis heute andauern. Zum Teil spiegeln sich darin auch Orientierungen an den internationalen Debatten wider, wie sie etwa mit der amerikanischen Cultural Anthropology, der britischen Social Anthropology oder den Cultural Studies geführt werden.

In diesen unterschiedlichen Institutsnamen drücken sich also manchmal auch durchaus disziplinäre oder theoretische Unterschiede in der Fachkonzeption aus, die allerdings selten wirklich gravierend sind. Und andere Unterschiede kommen noch hinzu: Manche Institute arbeiten so überwiegend gegenwartsorientiert, andere stärker historisch, manche haben thematisch unterschiedliche Schwerpunkte, andere versuchen eher räumliche und regionale Schwerpunkte zu bilden. Auf jeden Fall lohnt sich bei den einzelnen Instituten ein Blick sowohl auf die Veranstaltungsverzeichnisse wie auf die Veröffentlichungen der dort lehrenden Professor/innen und der wichtigen Forschungsprojekte, um eine klarere Vorstellung von der jeweils „lokalen Variante“ der Europäischen Ethnologie zu erhalten.

Ein Verzeichnis der Institute mit Links zu den jeweiligen Webseiten finden Sie auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv).

 

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