Identitätspolitiken
Identitätspolitiken
Identitätspolitiken im Südkaukasus. Nationale Repräsentation, postsozialistische Gesellschaft und urbane Öffentlichkeit
Förderungszeitraum
Förderinstitution
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Untersucht werden in desem Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs 640 "Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel" ethnische und nationale Identitätspolitiken in Armenien, Aserbaidschan und Georgien – also in einer aktuellen Konflikt- und Krisenregion. In den drei Gesellschaften überlagern sich die Wirkungen globaler und geopolitischer Orientierungsprobleme mit Fragen postsozialistischer Gesellschafts- und nationaler Identitätspolitik auf unterschiedliche, jedoch immer wieder auf konflikthafte und dramatische Weise. Dabei werden Aushandlungsprozesse nationaler Identitätspolitiken und "genealogischer" Zugehörigkeit sowohl im lokalen als auch im globalen Kontext konkurrierend verortet.
Die drei Hauptstädte Yerevan, Baku und Tbilissi sind Hauptstädte dieser Region und zugleich die "Bühnen", auf denen dieser Konflikt strategisch organisiert und inszeniert wird: über Geschichtspolitik und mediale Diskurse, über Selbst- und Fremdbilder, über Popkultur, Symbole und Denkmäler. In ausgewählten städtischen Orten werden Prozesse der Rekonstruktion der Gedenkkultur, der Rekonfiguration des kulturellen Erbes und religiöser Identitäten bei lokalen Eliten, Stadteinwohnern und neuen "Fremden" (Flüchtlinge, Expats, Diaspora) analysiert. Zentrale Fragen der ethnologischen Untersuchung sind: Wie wird im Zustand einer spatial disorder nationale und ethnische Einheit identitätspolitisch im öffentlichen Raum inszeniert und rezipiert? Wie definieren und handeln verschiedene Akteure mittels dieser Repräsentationen soziale Ordnung neu aus?
Repräsentationen werden dabei als Symbole, Konfigurationen und Praxen betrachtet, in denen identitätspolitische Positionen alltäglich formuliert, kommuniziert und legitimiert werden. Deshalb spielen hier Orte, Inszenierungs- und Performanzpraktiken in unterschiedlichen sozialen Kontexten eine wesentliche Rolle.
Die Region wird in zwei Untersuchungseinheiten Armenien/Aserbaidschan und Georgien aufgeteilt. Sowohl in Jerewan als auch in Baku soll insbesondere die Frage nach der sozialen Konfiguration und kulturellen Konstruktion nationaler Gedenk- und Trauerkulturen bearbeitet werden, die in den beiden Stadtlandschaften neue symbolische Zuordnungen vollzieht. In Tbilissi wird vor allem der Rekonfiguration nationaler Repräsentationen des "Georgischseins" nachgegangen auch im Kontext ethnischer und religiöser Diversität am Beispiel armenischer und aserbaidschanischer Minderheiten.
Als Quellengrundlagen dienen mehrmonatige Feldforschungen in städtischen Quartieren der drei Hauptsstädte Tbilissi, Baku und Yerevan. Methoden wie die Teilnehmende Beobachtung, Wahrnehmungsspaziergänge und Interviews werden durch Archivarbeiten, Architektur- und Denkmalstudien, Text- und Diskursanalysen ergänzt und in einer verdichteten Ethnographie verbunden. Bilder und Plakate, urbane Feste und nationale Feiertage, Experteninterviews und Alltagsgespräche in privaten Räumen, Filme und Werbung bilden so die unterschiedlichen Quellen der Untersuchung. Damit eröffnen ethnographischen "Nahaufnahmen" tiefere Einsichten in die Technik, Inszenierung und strategische Umsetzung der Identitätspolitiken wie auch in die postsozialistischen Dynamiken des Wandels von Alltagswelten. Das Forschungsprojekt leistet damit einen Beitrag sowohl zu einer kritischen regionalwissenschaftlichen Forschung als auch zur Ethnologie postsozialistischer Städte.
www.sfb-repraesentationen.de/teilprojekte/b4
Kontakt
Prof. Wolfgang Kaschuba (Projektleiter)
Madlen Pilz, M.A. (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
Anna Harutyunyan, M.A. (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
Melanie Krebs (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
Dmitri Heerdegen Formosov (Studentischer Mitarbeiter)
Franziska Langner (Studentische Mitarbeiterin)
Dr. Tsypylma Darieva (frühere Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
Veranstaltungen
Workshop
Urban Spaces: Caucasian Places. Transformations in Capital Cities.
22. - 23.09.09
Tbilisi State University, Institute for Archaeology and Ethnology, Georgia
This workshop is focused on the studies of urban rapid transformations in three South Caucasian capital cities by considering continuities and discontinuities in the process of reconfiguration of public spaces, representations and city images after the post-socialist change. This workshop aims to start a comparative discussion on research approaches of urban cultures in these cities as national and transnational cities from the anthropological perspective, to encompass different ways of imagining and representing three cities within the nation, in the Caucasian region and in the global context. After economic decline and political uncertainty postsocialist capitals once again build a space for celebrating new national regimes. Some cities undergo a remarkable process of city reconstruction and the emergence of new social groups that create new city symbols. At the same time urban landscapes in this area present a merge of declining Soviet planed infrastructure and of a new body of confusing architecture and sacred places that are not necessarily associated with the revitalization of the urban life attractive for both local and international inhabitants.
The main questions of the workshops are: How cities with the status of postcolonial and socialist capitals laying on the margins of Europe and Asia reshape their identity and place in the world area which is perceived as a space of violence, conflict and closure? To what extent the cosmopolitan and multicultural past is remembered or erased in the more monocultural present? How urban changes (nationalization, globalization, social segregation, privatization and migration) are lived symbolically and materially, how they are perceived and contested by different social groups in a capital city under transition? How these changes are reflected in public spaces and imaginative maps of the city and its citizens? What kind of new sacred spaces and practices of branding places are emerging in postsocialist cities? What are the similarities and differences in the reconstruction of urban spaces in the postsocialist capital cities and in the pathways of urban revitalization in the context of new geopolitical meaning of this area? Possible areas of contributions include four panels: public and sacred places, city symbols, new actors and practices, approaches and methods in the studies of postsocialist urban spaces.
For more information contact
Tsypylma Darieva
tsypylma.darieva@staff.hu-berlin.de
Madlen Pilz
madlen.pilz@staff.hu-berlin.de
Flyer (pdf)
Abstracts (pdf)
Tagungsbericht

