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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Volkskunde als öffentliche Wissenschaft

Die Wissens- und Wissenschaftsgeschichte der Berliner Volkskunde 1860–1960
Förderlaufzeit: 06/2003 – 06/2006
Förderinstitution: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

 

Das Projekt hatte sich zur Aufgabe gemacht, die Entwicklungsgeschichte der Berliner Volkskunde zwischen 1860 und 1960 als die einer „öffentlichen Wissenschaft“ zu untersuchen und über die politisch-gesellschaftlichen Brüche von Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg hinweg jene gesellschaftlichen Orte aufzufinden, an denen volkskundliches Wissen entstand. Während gegenwärtig für die Wissenschaften eine verstärkte Orientierung auf anwendbare Ergebnisse festgestellt wird, zeigte sich, dass dies für die Volkskunde schon von Beginn ihrer Herausbildung an galt und kontinuierlich zunahm. Volkskundlichem Wissen wurde bereits sehr früh eine Art allgemeiner gesellschaftlicher Nutzen zugeschrieben und man versprach sich davon teilweise unmittelbare Lösungen oder zumindest Integrationseffekte als Reaktion auf soziale Probleme.

Die Produktion volkskundlichen Wissens vollzog sich zudem nie im akademischen Elfenbeinturm, denn die Volkskunde blieb im ersten Jahrhundert ihres Bestehens überwiegend ein nicht-akademisches Fach, auf den engen Austausch mit seinen Untersuchungssubjekten orientiert und auf deren Kooperationsbereitschaft angewiesen. Dies gilt zunächst für die individuell und vereinsförmig organisierte Sammlungs- und Sicherungsarbeit, aber auch später für die Verbindung mit freizeitpädagogischen (Wandern) oder schulpädagogischen Programmen (Heimatkunde). Aufgrund dieser Austauschbeziehungen blieb volkskundliches Wissen trotz paralleler Bestrebungen, eine Akademisierung durchzusetzen, durch die besondere Nähe zur Alltagserfahrung, -sprache und -kommunikation gekennzeichnet.

Aus der Vielfalt disziplinärer Einbindungen ihrer frühen Akteure (Urgeschichte, Anthropologie, Germanistik und andere Sprachwissenschaften, Geographie) resultiert außerdem eine besondere Bandbreite der Forschungsgegenstände. Die Volkskunde kann deshalb aus einer wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive auch als eine synthetisierende Wissenschaft bezeichnet werden, die von Anbeginn an „interdisziplinäre“ Arbeitsfelder besetzte. Charakteristisch für volkskundliches Wissen - und das unterscheidet es besonders von anderen Wissensformen und disziplinären Zusammenhängen – war zudem eine starke lokale Einbindung mit regionaler Perspektive. Es besaß in aller Regel spezifische regionale Wissensanteile und landschaftliche Bezüge, die - aus historischen, regionalkulturellen und medialen Gründen - nicht beliebig generalisierbar waren und sind.

Obwohl die Projektarbeit sich erfolgreich dem fast Unmöglichen gestellt hat, den Zeitraum von 100 Jahren sowohl in seiner Länge als auch, zumindest exemplarisch, in die Tiefe zu bearbeiten, können diese Ergebnisse nur ein Anfang sein. Eine zentrale Frage ist immer noch mit der Bedeutung Berlins als Ort verbunden. Es bleibt weiterhin nach einer wissensgeschichtlich konzeptionellen Verbindung der komplexen Wechselbeziehungen zwischen Metropole, Wissen und sozialen Akteuren zu fragen. Dies wird nun aufgenommen und weiterverfolgt in dem Folgeprojekt „Volkskunde in der Metropole. Zur Entstehung eines volkskundlichen Wissensmilieus und zur Produktion kultureller Wissensformate in Berlin“ im Rahmen eines größeren Forschungsverbundes („Volkskundliches Wissen und gesellschaftlicher Wissenstransfer: zur Produktion kultureller Wissensformate im 20. Jahrhundert“). In diesem Forschungsverbund wird weiter reichend danach gefragt, inwiefern die beschriebenen Charakteristika nicht nur für die Volkskunde konstitutiv sind, sondern für die Wissensproduktion und –distribution im Bereich der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften insgesamt.

das Projekt wurde im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms 1143 „Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Deutschland im internationalen Zusammenhang im späten 19. und 20. Jahrhundert" gefördert.

 

Veranstaltungen

  • monatliche Arbeitsgruppentreffen zur Wissenschaftsgeschichte am Institut für Europäische Ethnologie 
  • Workshop "Wissensformen und Expertenkulturen“,  19./20.6.04 im Rahmen des  DFG-Schwerpunktprogramms „Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Deutschland im internationalen Zusammenhang im späten 19. und 20. Jahrhundert"

 

Vorträge

 

Prof. Wolfgang Kaschuba:

  • Mythos Europa: Regionale Identitäten als kulturelle Ressource. Vortrag im Rahmen der Tagung „Europa – Mythos und Heimat“ am Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen.
  • Ernst Moritz Arndt: (M)Ein Volksfreund? Vortrag im Rahmen der Tagung „Volksfreunde“ am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft Tübingen.
  • Auf der Suche nach der anderen Kultur. Wolfgang Steinitz – Volkskundler und Wissenschaftspolitiker (1905-1967), Kolloquium zum 100. Geburtstag von Wolfgang Steinitz am Institut für Europäische Ethnologie Berlin 15.02.2005.
  • Deutsche Wir-Bilder nach 1945. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung des SFB 649, Berlin 15.02.2006.
  • Berlin: Metropole zwischen Ost und West? Vom urbanen Umgang mit fremden Menschen, Ideen und Sprachen. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung  „Babylon Berlin“ der FU-Berlin am 09.05.2006.
  • Volkskundliches Wissen als reflexives Wissen? Vortrag im Rahmen des Institutskolloquiums des Instituts für Europäische Ethnologie Berlin am 23.05.2006.

 

Dr. Leonore Scholze-Irrlitz (Auswahl):

  • Zwangsarbeit in Berlin: Realität und ihr Widerschein im kollektiven Gedächtnis der Betroffenen und Anwohner (Tagung zum Thema „Krieg und Frieden“ – 60 Jahre Kriegsende, Veranstalter TRAFO e. V., Berlin-Oberschöneweide, 10.09.05)
  • Berlin, der große Bauch. Stadt- Umlandbeziehungen in den Agrar- und Freilichtmuseen Berlins und Brandenburgs - Forschungs- und Präsentationsansätze. Workshop in Wandlitz, 13.06.03
  • Universitätsvolkskunde im Nationalsozialismus. Skizzen zur Fachetablierung und Öffentlichkeitsarbeit in Berlin. Ringvorlesung / Prof. Rüdiger vom Bruch „Universität unterm Hakenkreuz“ HU Berlin, SoSe 2005.
  • Auf der Suche nach der anderen Kultur. Wolfgang Steinitz – Volkskundler und Wissenschaftspolitiker (1905-1967). Kolloquium zum 100. Geburtstag von Wolfgang Steinitz am Institut für Europäische Ethnologie Berlin 15.02.2005

 

Dr. Ina Dietzsch:

  • Auseinandersetzungen um eine sozialistische Ethnografie. Volks- und Völkerkunde im Nachkriegs-Berlin am 27.01.2006 am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.
  • Zur Beschaffenheit volkskundlichen Wissens am 16.6.05 im Kolloquium des Historischen Seminars der TU Braunschweig.
  • Berliner Volkskunde oder Volkskunde in Berlin? Überlegungen zu einer ortsbezogenen Wissenschaftsgeschichte. Vortrag am 03.07.04, Workshop „Wie konstruiert die Wissenschaftsgeschichte ihre Objekte? Verräumlichung, Vergleich, Generationalität“ am Zentrum für höhere Studien Leipzig.
  • Volkskunde als öffentliche Wissenschaft? Vortrag am 27.04.04, Kolloquium am Institut für Europäische Ethnologie der HU Berlin.
  • Grenzziehungen zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft. Vortrag am 20.04.04, Workshop „Wissensformen und Expertenkulturen“ am Institut für Europäische Ethnologie der HU Berlin.
  • Volkskunde als öffentliche Wissenschaft? Vortrag am 12.03.04, STS Spring School „Sites of Knowledge Production“ an der Universität Basel.

 

Cornelia Kühn, M.A.:

  • Öffentlichkeitsarbeit als Legitimationsarbeit. Die Etablierung der Volkskunde in der DDR, 1951-1953. Workshop „Wissenschaft und Öffentlichkeit als Ressource füreinander“, Institut für Wissenschafts- und Technikforschung, Universität Bielefeld, Februar 2005.
  • „Volkskunde als öffentliche Wissenschaft“ – Ein wissenschaftsgeschichtliches Projekt, Kolloquium zum 100. Geburtstag von Wolfgang Steinitz, Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin, Februar 2005.
  • Volkskunde als öffentliche Wissenschaft – gesellschaftliche Präsenz und historische ‚Praxisrelevanz’ der Volkskunde, Atelier III: Konstitution und Transformation wissenschaftlicher Disziplinen der Deutsch-Französischen Sommeruniversität für Nachwuchsforscher, Frauenchiemsee, unter der Leitung von PD Carsten Reinhard und Dr. Nathalie Jas, Juli 2005.

 

Publikationen

 

Prof. Wolfgang Kaschuba (Auswahl):

  • gemeinsam mit Ina Dietzsch, Leonore Scholze-Irrlitz (Hg.): Horizonte ethnografischen Wissens. Eine Bestandsaufnahme, Köln u.a. 2009.
  • Wolfgang Steinitz ‚Ich hatte unwahrscheinliches Glück’: Ein Leben zwischen Wissenschaft und Politik. Berlin 2006. Hrsg. mit Klaus Steinitz.

  • Alltagswelt Universität. Jahrbuch für Universitätsgeschichte 10 (2007). Hrsg. v. Rüdiger vom Bruch/Marie-Luise Bott, Gastherausgeber: Wolfgang Kaschuba.

  • Volkskunde/Europäische Ethnologie. In: Florian Keisinger u. a. (Hg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte. Frankfurt am Main 2003, S. 151-160.

  • Splitter, Facetten, Erinnerungen: Versuch einer subjektiven Bestandsaufnahme. In: Berliner Blätter, Heft 31, Berlin 2003, S. 15-25.

  • L’identité comme différence. L’allemand comme le non-français chez Herder, Jahn et Arndt. In: Revue germanique internationale 21, Paris 2004, S. 183-195.
  • Öffentliche Kultur – Kommunikation, Deutung und Bedeutung. In: F. Jaeger und B. Liebsch (Hg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Band 1. Stuttgart 2004, S. 128-138.
  • Straßenleben. Szenen und Szenarien. In: Der Fotograf Willy Römer 1886-1979. Auf den Straßen von Berlin. Red. Kerbs, Hallen, Ketzscher, Berlin 2004, S. 227-244.
  • La civilisation comme dynamique auto-réflexive. In: Sophie Chevalier / Jean-Marie Privat (Hg.): Norbert Elias et l’anthropologie. Paris 2004, S. 65-68.
  • Fünf Jahre Museum Europäischer Kulturen. Ansichten einer zweiten Kindheit. In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, Band 40. Berlin 2004, S. 349-357.
  • Gedächtnislandschaften und Generationen. In: Petra Fank / Stefan Hördler (Hg.): Der Nationalsozialismus im Spiegel des öffentlichen Gedächtnisses. Berlin 2005, S. 183-196.
  • Mythos Europa: Regionale Identitäten als kulturelle Ressource. In: Klaus Kufeld (Hg.): Europa – Mythos und Heimat, future: lab – Zukunftssymposium 2006, München 2006, S. 100-111
  • Ernst Moritz Arndt: (M)Ein Volksfreund? In: Bernd Jürgen Warneken (Hg.): Volksfreunde. Historische Varianten sozialen Engagements. Tübingen 2007, S. 33-41
  • Deutsche Wir-Bilder nach 1945: Ethnischer Patriotismus als kollektives Gedächtnis? In: Jörg Baberowski/Hartmut Kaelble/Jürgen Schriewer (Hg.): Repräsentationen. Frankfurt/New York 2007 (zum Druck angenommen).
  • Europäisierung Europas? Ethnologische Suchbewegungen. In: F. Jäger/H. Joas (Hg.): Europa im Blick der Kulturwissenschaften. 2007 (zum Druck angenommen).
  • „Bilder vom Volk“ – Ressourcen und Karrieren. In: Wissenschaft und Öffentlichkeit als Ressource füreinander. Hrsg. v. Sibylla Nikolow/Arne Schirrmacher, Bielefeld 2007

 

Dr. Leonore Scholze-Irrlitz (Auswahl):

  • „Heimat“ - Historisch geprägte Alltagsvorstellung und wissenschaftliche Museumskategorie. In: Museumsblätter. Mitteilungen des Museumsverbandes Brandenburg e. V., Heft 4, Potsdam 2004, S. 6-11.
  • Volkskunde und ländliche Gesellschaft. (Zus. Mit Wolfgang Jacobeit). In: Beetz, Stephan/ Brauer, Kai / Neu, Claudia (Hrsg.): Handwörterbuch zur ländlichen Gesellschaft in Deutschland. Wiesbaden 2005, S. 240-247.
  • Universitätsvolkskunde im Nationalsozialismus. Skizzen zur Fachetablierung und Öffentlichkeitsarbeit in Berlin. In: vom Bruch, Rüdiger: Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Bd. II: Fachbereiche und Fakultäten. Stuttgart 2005, S. 133-147.
  • Mitten drin: Die Landesstelle für Berlin-Brandenburgische Volkskunde. In: Volkskundliche Arbeit in der Region. Ein Wegweiser zu den „Landesstellen“ im deutschsprachigen Raum. Dresden 2005, S. 19-26.

 

Dr. Ina Dietzsch:

  • Zettels Alltag oder die Geheimnisse des wissenschaftlichen Handwerks. (Gemeinsam mit Sabine Imeri) In: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 10 (2007), S. 105-122.
  • “Volkskunde für unser Geld?” Wissenschaft als Projekt in Zusammenarbeit mit verschiedenen Öffentlichkeiten. In: Nikolow, Sybilla/ Schirrmacher, Arne (Hg.): Wissenschaft und Öffentlichkeit als Ressource füreinander. 2007.
  • Zeitschrift des Vereins für Volkskunde revisited. (Gemeinsam mit Sabine Imeri) In: Lozoviuk, Petr/ Moser, Johannes (Hg.): Probleme und Perspektiven der volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Fachgeschichtsschreibung. Dresden 2005, S. 41-58.
  • Volkskunde in Berlin oder Berliner Volkskunde? Überlegungen zu einer orts- und raumbezogenen Wissenschaftsgeschichte. In: Middell, Matthias/Uekötter, Frank/Thoms, Ulrike (Hg.): Wie konstruiert die Wissenschaftsgeschichte ihre Objekte? Universitätsverlag Leipzig, 2004, S. 46-69.

 

Cornelia Kühn, M.A.:

  • „…eine neue, mit dem Volk verbundene Kultur entwickeln“ - Laienkunst als Ressource für die Etablierung der Volkskunde in der frühen DDR. In: Wissenschaft und Öffentlichkeit als Ressource füreinander. Hrsg. v. Sibylla Nikolow/Arne Schirrmacher, Campus-Verlag, Frankfurt/New York 2007.
  • „Der Sozialismus siegt... - auch im Studentenzimmer“? Zum politischen Umgestaltungsprozess 1951-1959 in der Studentenzeitung Forum. In: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 10 (2007), S. 151-164.

 

Sabine Imeri, M.A.:

  • Zettels Alltag oder die Geheimnisse des wissenschaftlichen Handwerks. (Gemeinsam mit Ina Dietzsch) In: Jahrbuch für Universitätsgeschichte, 10 (2007), S. 105-122.
  • Zeitschrift des Vereins für Volkskunde revisited. (Gemeinsam mit Ina Dietzsch) In: Lozoviuk, Petr/ Moser, Johannes (Hg.): Probleme und Perspektiven der volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Fachgeschichtsschreibung. Dresden, 2005, S. 41-58.