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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

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Cordula Endter: Mobilitätspraktiken lokaler Akteure im ländlichen Raum oder wie ältere Ehrenamtliche eine Buslinie betreiben

Bericht über den Vortrag im Institutskolloquium am 19. Mai 2015; von Eva Schuh

Unter den Fragestellungen, was bedeutet es mobil zu sein und welche wirkmächtige Bedeutung hat Mobilität, nimmt Cordula Endter in ihrem Vortrag den ländlichen Raum in den Blick. Ausgangspunkt ihres Vortrags ist der BürgerBus in Brieselang (Brandenburg). In Brieselang gibt es seit der Einstellung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) einen BürgerBus, der vom gleichnamigen Verein ehrenamtlich betrieben wird. Der ländliche Raum ist doppelt vom sogenannten demografischen Wandel in Deutschland betroffen. Die Menschen dort werden nicht nur immer älter, die jüngeren ziehen außerdem in die Städte. Zurück bleiben also ältere Menschen, deren Praxis der Mobilität Endter als „immobil“ benennt. Im öffentlichen Diskurs steht der ländliche Raum einerseits für Einöde, die für die jüngere Bevölkerung uninteressant ist und deshalb abwandert. Andererseits verklären z. B. Werbeanzeigen den ländlichen Raum als Erholungsort und Ressource für regenerative Energien. Schnell ist deshalb klar, der Diskurs um den ländlichen Raum bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Romantisierung und Abwertung. In diesem Spannungsfeld gilt es, sich als Bewohner_in des ländlichen Raums zu verorten. In dem Endter Mobilität als Praxis begreift, unter Berufung auf Bruno Latour und Michel Callon, zeigt sie, dass Mobilität ein zentrales Moment der Selbstverortung in diesem Diskurs ist.

Der BürgerBus in Brieselang wird nicht von „Raumpionieren“ von außen betrieben, die kurzzeitig in den Ort kommen, um innovative Neuerungen ins Leben zu rufen. Die alternative Buslinie ist von Personen initiiert, die selbst von den Kürzungen betroffen sind. Die Einnahmen gehen zu einem Teil an die ÖPNV-Unternehmen und zum anderen Teil an die Kommune. Alle Busfahrer_innen arbeiten ehrenamtlich aber nicht losgelöst von unternehmerischen Handlungen, denn der BürgerBus muss immer wieder seine Rentabilität unter Beweis stellen. Die große ehrenamtliche Arbeit und die Ersetzung öffentlicher Strukturen sind in Zeiten neoliberaler Aktivierungspolitik kritisch zu sehen. Trotzdem versteht Endter das BürgerBus-Fahren als eine widerständige Mobilitätspraxis. Folgt man ihrer Argumentation, so eignen sich die Akteur_innen den Raum in spezifischer Weise an. Die Busfahrer_innen eigenen sich technisches, rechtliches und räumliches Wissen an und trotzen damit Zu- und Abschreibungen im Diskurs um den ländlichen Raum. Folglich kann BürgerBus-Fahren als identitätsstiftende Praxis beschrieben werden, die in letzter Konsequenz den ländlichen Raum herstellt.