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Walter Leimgruber und Werner Schiffauer: Politiken der ethnologischen Migrationsforschung

Bericht über den Vortrag im Institutskolloquium am 18. November 2014; von Leif Löfler

Nach einer kurzen Einführung Regina Römhilds in das Thema der Sitzung stellen Manuela Bojadzijev und Regina Römhild die beiden Vortragenden Walter Leimgruber und Werner Schiffauer und ihre Bedeutung für die ethnologische Migrationsforschung vor.

Schiffauer beginnt mit seinem Kurzvortrag, indem er die Entwicklung der Migrationsforschung in der deutschen Wissenschaftslandschaft mit ihren verschiedenen Turns und wechselnden Schwerpunkten nachvollzieht. Er beginnt bei der marxistischen Kritik der 1970er Jahre, schlägt einen Bogen zur postkolonialen Kritik der 2000er und verknüpft die verschiedenen Konzepte beispielhaft mit seinem eigenen Schaffen. In Bezug auf die Ethnologie macht er die Feststellung, dass die Migrationsforschung in den 1980er Jahren dort nie richtig Fuß fassen konnte, denn Migration konstituiert sich aus pluralen Brüchen (Ort, Herkunft etc.) und dies stehe im Gegensatz zum damaligen Denken der Völker- und Volkskunde. Über die Writing-Culture Debatte und die – wie er es beschreibt – Augen öffnende Kritik am methodologischen Nationalismus, gelangt er zu den 2000er Jahren. Als wesentliche Neuerungen nennt er die Weltsystemperspektive und damit einhergehend die postkoloniale Kritik, die Einbettung in globale Ungleichheiten und die Transnationalismus-Debatte. Des Weiteren zieht er die Kritik des staatlichen Umgangs mit Migration heran. Diesbezüglich thematisiert er die verschiedenen, teils konkurrierenden Wissensformate von journalistisch, politisch oder eben wissenschaftlich produziertem Wissen. Damit verbindet er die Frage, wie sich Wissen mit staatlichen Praxen verbindet und dies wiederum neues Wissen schafft. An diesem letzten Punkt knüpft Schiffauer seinen Beitrag im späteren Diskussionsteil an.

Walter Leimgruber geht in seinem Vortrag über die Entwicklung der Migrationsforschung in der Schweiz einen anderen Weg und macht diese vor allem an wichtigen Daten und Fakten wie Migrationszahlen und Entscheidungen des politisch-rechtlichen Systems sowie an herausragenden oder beispielhaften Wissenschaftlern fest. Er betont dabei besonders die Relevanz interdisziplinärer Zusammenarbeit. Eine Migrationsforschung, die beispielsweise keine Zahlen vorlegt, wird politisch nicht ernst genommen. Insofern betont er den Einfluss der Nachbarwissenschaften in Migrationsfragen und erwähnt kritisch die aktuelle „Ecopop“-Initiative, die in der Schweiz radikale Positionen vertritt und die sich auch auf die wissenschaftliche Arbeit von Ökonomie und Demografie bezieht bzw. daraus gefährliche Thesen und Forderungen ableitet.

In der folgenden Diskussion stellt Schiffauer in Anschluss an seinen Vortrag die Frage, auf welchen Szenarien, Modellen und Vorstellungen politische Entscheidungen, die Migration betreffen basieren und bemerkt, dass ethnologisch produziertes Wissen an diesem wichtigen Punkt oftmals abprallt. Wolfgang Kaschuba ergänzt diesen Gedanken am Beispiel der Spiegel-Titelbilder, die den „Migranten“ immer wieder gleich darstellen und immer wieder dieselbe Bilder-Ikonographie bedienen. Schiffauer bemerkt dazu, dass sich in diesem Kampf der Bilder die Bereiche des Eigen- und Fremd-Konstruierten verknüpfen und dass die Aufgabe einer ethnologischen Migrationsforschung darin läge, diese Verknüpfungen aufzuzeigen. Manuela Bojadzijev beklagt in diesem Zusammenhang die unzureichenden oder fehlenden Zugänge zur Politik und Öffentlichkeit, um die Ergebnisse der ethnologischen Migrationsforschung stärker einzubringen und damit gerade auf die von Schiffauer hingewiesenen Szenarien und Modelle verändernd einzuwirken.