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Alexa Färber: Was kann Fiktion in der simulativen Demokratie? Urbane Öffentlichkeiten in den Grenzbereichen ethnographischer Arbeit

Bericht über den Vortrag im Institutskolloquium am 25. November 2014; von Christina Stehr

Wie lassen sich aktuelle Politikformen ethnografisch fassen? Alexa Färber schlägt die fiktive Ethnografie als produktive Herangehensweise an die von dem politischen Soziologen Ingolfur Blühdorn attestierte simulative Demokratie vor. Demokratie sei in ihrer heutigen Form vor allem ein Versuch, den Widersprüchlichkeiten von Interessenlagen zu begegnen. Vor allem soziale und ökologische Fragen werden in der Politik nur noch unter technologischen Aspekten und Effizienz gesehen, nicht aber in ihren komplexen Zusammenhängen. Hinter der Ausbreitung von Partizipationsmöglichkeiten in der Politik verberge sich eine Simulation des Politischen, eine Bestätigung der Mittelschichten in ihren Interessen. Durch Partizipation werde vor allem eine Einhegung und Lenkung von Kritik verfolgt, die, anstatt wie in den Neuen Sozialen Bewegungen der 60er und 70er einen umfassenden Kritikanspruch zu formulieren, heute lokalistisch ausgerichtet sei.

Als ein positives Gegenbeispiel wird die Strategie der Initiative des Hamburger Gängeviertels diskutiert. Ihr ginge es um die bewusste Inpflichtnahme der städtischen Politik, sich für soziale Lebens- und Arbeitsformen einzusetzen. Durch die Zusammenarbeit könne „Stadt“ ihre Rolle als aktive Gestalterin finden und ähnlich auch in anderen Fällen agieren. Anstatt nur lokalistisch für den Einzelfall zu kämpfen versucht das Projekt, den Projektbereich zu verlassen und längerfristig sowie überlokal zu wirken. Deshalb wäre hier die Frage wichtig herauszufinden, auf welche Art die Strategie umgesetzt wird und ob dies eine nachhaltige, über simulative Formen hinausgehende Politik hervorbringt.

Die Verbindung zwischen der Demokratieform und der Rolle der ethnografischen Bearbeitung zieht Färber über die Instanz der urbanen Öffentlichkeit. Neben offen gebliebenen Fragen, wie sich heutzutage eine urbane Öffentlichkeit definieren lässt, sieht sie die von ihr sogenannte Randform ethnografischen Schreibens, die fiktive Ethnographie, als die vielversprechendste an. In ihr stecke ebenso ein simulatives Element wie in der Demokratie, die eine Realität nicht in der Reinform abbilde, weil diese sowieso nicht existiere. Ethnografische Fiktion könne durch ihre Nähe zum Feld Authentizität vermitteln und gleichwohl mehr Aufmerksamkeit erzeugen und eine breitere Zielgruppe ansprechen. Durch die Aneignung und Fortschreibung der Fiktion durch die Leserschaft würde eine Realität erschaffen und urbane Öffentlichkeit erzeugt. Ergiebig wurde auch die Rolle der ethnografischen Fiktion anhand von Alexa Färbers Verweis auf die populäre US-Serie „The Wire“ diskutiert.