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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für Europäische Ethnologie | Forschung | Projekte | Mobilisierung von Recht durch/als Kollektivierung?

Mobilisierung von Recht durch/als Kollektivierung? Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsrecht als institutionelle und politische Praxis

Projektbeginn: Januar 2018
Förderinstitution: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

 

„Enthinderung ermöglichen“, „Sexualitäten diversifizieren“, „Ethnische Vielfalt normalisieren“ – unter diesen Schlagworten untersucht das Forschungsprojekt in drei ethnographischen Fallstudien aus kulturanthropologischer Perspektive Prozesse der Implementierung und Mobilisierungen von Antidiskriminierungs- und Gleichbehandlungsrecht, insbesondere dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Mit dem AGG wurden 2006 EU-Richtlinien zur langfristigen Beseitigung gesellschaftlicher Diskriminierungen in deutsches Recht umgesetzt. Auch wenn aus juristischer Perspektive die regelnde und sanktionierende Kraft des AGG als eher unzulänglich eingeschätzt wird, werden doch die Effekte des Gesetzes etwa in Hinblick auf gesellschaftliche Einstellungen und langfristige Veränderungen hervorgehoben. Doch wie werden das AGG und andere Gesetze mit Leben gefüllt: wie strukturieren normierende, alltagspraktische und politische Aspekte des Gesetzes die Praxis, wie wird Recht zum Alltag in der politischen wie praktischen Arbeit von NGOs, Behörden, Institutionen und Interessenvertretungen? Wie werden mit Hilfe von Antidiskriminierungs- und Gleichbehandlungsrecht gesellschaftliche Ausgrenzung und eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten problematisiert und wie trägt es dazu bei, konkrete Veränderungen anzustoßen?

Das Teilprojekt ist im Kontext der empirischen Rechtsforschung angesiedelt. Mit seiner dezidiert praxeologischen und geschlechtertheoretischen Zuschnitts knüpft es an rechts- und politikanthropologische Konzepte sowie sozial-/kulturanthropologische Theorien der Vergemeinschaftung mit ihren jeweiligen geschlechtertheoretischen Erweiterungen an. Es nutzt ethnographische Methoden, um im Vergleich der drei Fallstudien (1) die sozialen und (alltags-) praktischen Effekte des AGG im lokalen Raum an Schnittstellen zu anderen rechtlichen Regulierungen zu untersuchen, (2) die hierdurch angestoßenen Kollektivierungsprozessen und die Verhandlung von Individualität und Kollektivität in der Antidiskriminierungspraxis zu befragten, (3) Dimensionen der Vergeschlechtlichung in den durch das AGG angestoßenen Institutionalisierungs- und Kollektivierungsprozessen herauszuarbeiten und (4) Verschränkungen von rechtlicher und politischer Praxis in Hinblick auf Zugehörigkeit und Teilhabe an (Stadt-)Gesellschaft aufzuzeigen.

 

Das Forschungsprojekt ist Teil der

Forschungsgruppe "Recht - Geschlecht - Kollektivität. Prozesse der Normierung, Kategorisierung und Solidarisierung".

In dieser interdisziplinären Forschungsgruppe kooperieren Geschlechterforscherinnen und -forscher aus der Rechtswissenschaft, der Soziologie, der Europäischen Ethnologie und der Geschichtswissenschaft. Mit Fokus auf den Zusammenhang von Recht, Geschlecht und Kollektivität stellt die Forschungsgruppe die Austauschprozesse, Wechselwirkungen, Widersprüche und Ambiguitäten ins Zentrum, die dort entstehen, wo alltagsweltliche, institutionelle und rechtliche Praktiken aufeinandertreffen. Gefragt wird nach den konstituierenden und regulierenden Funktionen, die den spezifischen Modi, Praktiken und Mobilisierungsformen des Rechts zukommen, und in welcher Weise Geschlechternormen und -verhältnisse in verschiedene Dimensionen der Kollektivität hineinwirken.

In sechs Teilprojekten werden Kollektive, Vorstellungen von Kollektivität und Prozesse der Kollektivierung in ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung analysiert und dabei unterschiedliche Dynamiken der Ko-Evolution von Recht, Geschlecht und Kollektivität herausgearbeitet.

 

 

 

 

Beteiligte Wissenschaftler*innen sind Prof. Maja Apelt, Universität Potsdam; Prof. Susanne Baer, HU; Prof. Beate Binder, HU (Sprecherin); Prof. Sabine Hark, TU; Prof. Eva Kocher, Europa Universität Viadrina; Prof. Martin Lücke, FU.