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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Nachhaltige Entwicklung von unten? Die Gemeinwohl-Ökonomie zwischen utopischen Visionen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und basisdemokratischen Entscheidungen

 

Projektleitung: Dr. Cornelia Kühn
Projektlaufzeit: 05/2019 - 04/2022
Förderinstitution Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

 

In der gegenwärtigen Gesellschaft lassen sich neben der zunehmenden technischen Entwicklung und des ökonomischen Wohlstands auch eine steigende soziale und globale Ungleichheit bei voranschreitender Umweltzerstörung und ein Verlust an gesellschaftlichem Vertrauen und sozialem Zusammenhalt feststellen. Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die durch das Engagement von ehrenamtlich Aktiven in Regionalgruppen einen basisdemokratischen Prozess zur sozial-ökologischen Transformation des Wirtschaftssystems anstoßen will. Als Manifest der Bewegung gilt das 2010 von Christian Felber entwickelte alternative Wirtschaftsmodell, das die Mehrung des Gemeinwohls anstelle der Mehrung des individuellen Kapitals anstrebt. Ziel der GWÖ ist die Etablierung eines neuen – wenn auch ideengeschichtlich alten – „contrat social“ (Rousseau).

In dem Forschungsvorhaben werden am Beispiel der GWÖ die sozialen Praxen der Aushandlung und Vermittlung des alternativen Wirtschaftsmodells in der konkreten Interaktion mit wirtschaftlichen, politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren untersucht, die entstehenden Konflikte auf der Mikroebene differenziert und eine mögliche transformative Wirkung auf Alltags-, Wirtschafts- und Wissenschaftskulturen beleuchtet. Mit der empirisch fundierten kulturanthropologischen Wissensforschung als Forschungsperspektive wird das GWÖ-Konzept als kulturell orientierendes Wissen gefasst. Die GWÖ wird dabei auf drei verschiedenen Untersuchungsebenen betrachtet: Auf der diskursiven Ebene werden die verwendeten Wertbegriffe in ihren historischen Bezügen erforscht, ihre Parallelen zu wirtschaftsethnologischen und wirtschaftsethischen Konzepten und gegenwärtigen Überlegungen zu Reziprozität und Gabentausch betrachtet und Gemeinsamkeiten mit aktuellen alternativen Wirtschaftskonzepten erfragt sowie die Kritikpunkte an dem GWÖ-Konzept analysiert. Auf der Ebene der kollektiven Mobilisierung wird die GWÖ als eine soziale Bewegung gefasst, wobei zum einen der Prozess der Legitimierung alternativ-wirtschaftlichen Wissens in der Interaktion mit externen politischen und wirtschaftlichen Akteuren herausgearbeitet wird. Zum anderen werden interne Konflikte bei basisdemokratischen Entscheidungsprozessen untersucht. Auf der Ebene der alltäglichen Aushandlungen werden die Wissenspraxen der verschiedenen Akteure in den unterschiedlichen Kontexten und Situationen betrachtet. Mit einem besonderen Blick auf Übersetzungsprozesse wird hinterfragt, wie das Wissen lokal eingebettet und kommuniziert wird, wie dabei Validität hergestellt und Kohärenz erzeugt werden und welche transformative Wirkung auf Werte und Verhaltensweisen erreicht werden kann. Mit den empirischen Ergebnissen aus dem Forschungsprojekt sollen die theoretischen Konzepte zum wirtschaftlichen Handeln erweitert und neue Wirtschafts- und Lebensweisen als Möglichkeitsform entworfen werden.

 


Bottom-up approach to sustainable development? The Economy for the Common Good between utopian visions, civic initiatives and grass-roots democratic decisions

 

In today's society, despite increasing technological development and economic prosperity, rising social and global inequality and environmental degradation is progressing and social trust and social cohesion are being eroded. The Economy for the Common Good (ECG) is a civic action movement that is trying to initiate the process of socio-ecological transformation of the economic system on a grass-roots level through the involvement of volunteers in regional groups. The manifesto of the movement is the alternative economic model developed by Christian Felber (2010), which seeks to increase the common good instead of increasing individual capital. The goal of the ECG is the establishment of a new "contrat social" (Rousseau).

The study focuses on the social practices of negotiation and communication of the ECG concept by the various stakeholders. The research perspective of the project is based on empirical ethnographic science studies, with the ECG concept being considered as culturally oriented knowledge. The ECG is examined on three different levels: on the discursive level the value concepts used are explored within their historical frame of reference, their parallels with anthropological and ethical economic concepts and with current considerations on reciprocity and gift exchange are considered and their similarities with current alternative economic concepts are investigated. Furthermore criticism of the ECG concept itself is analysed. At the level of collective mobilization the ECG is taken to be a social movement which is examined on the one hand in the context of legitimizing alternative economic knowledge and in its interaction with external political, economic and civic stakeholders. On the other hand internal negotiations in the grass-roots democratic decision-making processes are considered. At the everyday level the knowledge practices of different stakeholders in different contexts and situations are explored. In particular in the negotiation and translation processes the local embedment and communication of knowledge are investigated, along with the accompanying creation of validity and coherence. The special focus is on the transformative effects on everyday life and on economic and scientific models. With the empirical results of the research project the theoretical concepts of economic action can be critically considered and new economic forms and ways of life can be conceived.