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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Inga Scharf da Silva

Trauma als Wissensarchiv

Postkoloniale Erinnerungspraxis in der sakralen Globalisierung am Beispiel der zeitgenössischen Umbanda im deutschsprachigen Raum Europas

Betreuung: Prof. Dr. Regina Römhild, Prof. Dr. Andreas Feldtkeller (Theologische Fakultät)

Förderung: PROMI

 

Abstract

Die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts in Brasilien als eine afro-euro-indigene Religion neu erschaffende Religion Umbanda, die sich seit den 1940er Jahren weltweit verbreitet und seit den 2000er Jahren auch in der transatlantischen sakralen Globalisierung im mitteleuropäischen Raum niedergelassen hat, ist in ihrer diasporischen Ausbreitung bislang wenig erforscht worden. Durch eine siebenjährige Feldforschung in der spirituellen Gemeinschaft des Ilê Axé Oxum Abalô / Terra Sagrada, die ihr Mutterhaus in den Schweizer Bergen in Stein im Kanton Appenzell situiert und sich mit sieben Ablegern in Graz und Wien in Österreich, Zürich, St. Gallen und Bern in der Schweiz, Berlin in Deutschland und Cumuruxatiba in Brasilien als ein überregionales Netzwerk ausbreitet, möchte ich eine Forschungslücke schließen. Ich gehe der Frage nach, wie fremdes Wissen in einer Gemeinschaft von überwiegend mitteleuropäischen religiösen Akteuren angeeignet und in die eigene alltägliche Erfahrungswelt integriert wird. Ist der Vorwurf einer Kolonialisierung des Inneren in der Form des Bewusstseins als Ausweitung der territorialen Erdbesetzungen der Kolonialzeit angebracht oder handelt es sich um eine antikoloniale Bewegung, die sich durch eine Imagination der Zugehörigkeit gegen die normativen Repräsentationen wendet?

Als Grundlage wähle ich die Befragung der brasilianischen materiellen und virtuellen Kultur der Umbanda, die auf den ersten Blick lediglich eine Stereotypisierung und festschreibende Erstarrung vermuten lässt. Auf den zweiten Blick zeigt sich, so meine These, die Verbildlichung der tabuisierten Verinnerlichung eines kollektiven Traumas von der Zerstörung indigenen Lebens und Glaubens sowie Versklavung von Menschen durch die Gewaltherrschaft des Kolonialismus.

Mein interpretativer Ansatz ist die Einverleibung im Sinne des Manifesto Antropófago von Oswald de Andrade, welches ich als Kulturtheorie anwende. Dieser Ansatz scheint mir, nebst einer eigenleiblichen Methodik, passend zu sein für eine Religionspraxis, in dessen Zentrum Verkörperungsgeschehen bzw. die Inkorporation von spirituellen Entitäten von Pretas Velhas/Pretos Velhos (alten, schwarzafrikanischen Sklaven aus Brasiliens Kolonialzeit) und Caboclas/Caboclos (indigene Geistwesen) in den Körpern von Medien steht. Ich deute den Körper als ein Archiv für die Tradierung von kollektiven Traumata, die – so meine These – zu ihrer Bewältigung im Sinne einer De-Kolonialisierung des Denkens beitragen.

 

Schlüsselbegriffe

Religiöse Diaspora / Sakrale Globalisierung, Memory Studies / Kulturelles Gedächtnis, Afrobrasilianische Mythologie, Anthropologie der Sinne

 

Curriculum Vitae

Gebürtige Berlinerin. Studium der Ethnologie und Kunstgeschichte (M.A.) an der Freien Universität Berlin (FU) und der Universität der Künste Berlin (UdK), der staatlichen Universitäten von Salvador da Bahia (UFBA), von São Paulo (USP) und von Recife, Pernambuco (UFPE). 2002 – 2004 Mitarbeiterin im Textilprojekt am Jüdischen Museum Berlin.

Bildende Künstlerin mit Atelier 389 im Atelierhaus Sigmaringer1art des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) Berlin seit 2008.

 

Publikationen

2018 Umbanda im deutschsprachigen Raum (Schweiz, Österreich, Deutschland). In: Klöcker, Michael / Tworuschka, Udo: Handbuch der Religionen. Hohenwarsleben: Westarp.

2017 [2004] Umbanda. Eine Religion zwischen Candomblé und Kardezismus. Über Synkretismus im städtischen Alltag Brasiliens. Berlin: Edoc, Münster: LIT-Verlag. (Magisterarbeit)

2013 „Trauma als Wissensarchiv. Ambivalenzen zwischen kollektivem Bildgedächtnis und Verkörperungen am Beispiel der Caboclas und Caboclos in der Umbanda. “ In: Bartl, Andrea / Schott, Hans-Joachim (Hg.): Naturgeschichte, Körpergedächtnis. Erkundungen einer kulturanthropologischen Denkfigur. Würzburg: Königshausen & Neumann: 271-293. 

 

Kontakt

E-Mail: inga.scharf@hu-berlin.de

 



Abstract (English)

Trauma as a knowledge archive

Postcolonial memory practice in the sacred globalization exemplified by the contemporary Umbanda in the German-speaking countries of Europe

 

Umbanda, a newly created afro-euro-indigenous religion in Brazil at the beginning of the twentieth century, spreading worldwide since the 1940s and settling through transatlantic sacral globalization in the German-speaking countries of Central Europe since the 2000s, has been little researched in its diasporic spread so far. Through seven years of fieldwork in the spiritual community of the Ilê Axé Oxum Abalô / Terra Sagrada with its motherhouse located in the Swiss mountains in Stein in the canton of Appenzell and seven offshoots in Graz and Vienna in Austria, Zurich, St. Gallen and Bern in Switzerland, Berlin in Germany and Cumuruxatiba in Brazil as a transnational network, I would like to close a research gap.

I question of how foreign knowledge is acquired in a community of predominantly Central European religious actors and integrated into their own everyday world of experience. Is the accusation of a colonization of the interior in the form of consciousness as an extension of the territorial colonization of the colonial era appropriate, or is it an anti-colonial movement that addresses itself through an imagination of belonging in resistance to normative representations?

As a basis, I select a survey of Brazilian imagery of the umbandist material and virtual culture, which at its first glance suggests merely a stereotyping and ascribed solidification of the images of its spirits. At its second glance, as is my thesis, it conveys the portrayal of the taboo internalization of a collective trauma of destruction of indigenous life and belief through the adoration of spiritual entities of Caboclas/Caboclos (indigenous spirits) and the enslavement of African people through the spirits of Pretas Velhas/Pretos Velhos (old black African slaves from Brazil's colonial era) by the tyranny of colonialism.

My interpretative approach is the incorporation in the sense of the Manifesto Antropófago of Oswald de Andrade, which I apply as a cultural theory. This approach seems to me, along with a proper bodily methodology (“eigenleiblich”), to be appropriate for a religious practice centered on the incarnation of spirits in the bodies of personal spirit mediums. I interpret the body as an archive for the transmission of collective traumas, which - so my thesis - contribute to its coping for European religious actors through a decolonization of the mind.