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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Fragen und Antworten

 

Was ist Europäische Ethnologie?

Wie arbeiten Europäische Ethnologinnen und Ethnologen, wenn sie forschen?

Ein Fach – viele Namen!

 

Was ist Europäische Ethnologie?

Europäische Ethnologie ist eine Kulturwissenschaft, die sich mit Lebensweisen und Lebenswelten in Europa beschäftigt – vor historischem Hintergrund wie in globalem Zusammenhang. Europäische Ethnolog_innen beobachten also markante gesellschaftliche Politikfelder und Kulturstile der Gegenwart, fragen nach deren sozial- und kulturgeschichtlichen Hintergründen, beziffern darin eingelagerte nationale und ethnische Bilder, stellen Bezüge her zu populären Stereotypen und zu medialem Wissen, zu Geschlechter- und Generationsverhältnissen und sie beobachten dabei städtische wie ländliche Räume, migrantische wie religiöse Bewegungen, soziale Praxen wie kulturelle Stile.

Diese lange Aufzählung zeigt, dass in den unterschiedlichsten Feldern Kultur stets als Leitsystem menschlichen Denkens und Handelns verstanden wird. Damit meint Kultur also keinen Bestand an unveränderlichen Traditionen, Werten und Handlungsmustern, zielt nicht primär auf Hochkultur und Bildungsprivilegien, sondern handelt vor allem von dem, was Menschen in ihren Lebenswelten wahrnehmen, sagen und tun – und damit immer wieder neu aushandeln. Wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren, welche Verhältnisse sie zu unterschiedlichen sozialen und natürlichen Umwelten eingehen, welches Bild sie sich selbst von diesen Beziehungen machen: Diese scheinbar so einfachen Fragen nach der Alltagskultur und ihren Ordnungen stehen im Vordergrund des Interesses. Dabei können die Themen vielfältig und unterschiedlich sein: ein Hip-Hop Konzert oder ein Stadtfest, Street Art oder städtischer Strand, Arbeitswelt Krankenhaus oder Kaufhaus, Denkmalpflege oder Quartiersmanagement.

 

Die Europäische Ethnologie ist …

[…] eine jener Wissenschaften, in deren Zentrum das Interesse am Verständnis einzelner Phänomene steht, nicht die Formulierung allgemeiner Gesetze. […] Das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Kultur, zur Gesellschaft in der er lebt, ist der Gegenstand der Ethnologie.

(Franz Boas, 1932)

 

Wie arbeiten Europäische Ethnologinnen und Ethnologen, wenn sie forschen?

Die Europäische Ethnologie glaubt, dass der Sinn von menschlichem Tun vor allem im Alltag der Menschen zu betrachten ist. Denn ihre Kultur besteht in großen Teilen daraus, wie sie ihren Alltag leben. Deswegen versuchen Ethnologinnen und Ethnologen am Leben der Protagonisten, die sie untersuchen, Teil zu nehmen. Sie glauben, dass es nur so möglich ist, zu verstehen, warum Menschen auf eine bestimmte Art und Weise denken, reden und handeln.

Ethnologische Forschung passiert nicht im Labor, es gibt keine Experimente: Das Leben selbst ist das große, komplexe Experiment, dass der Beobachtung würdig ist. Manchmal ist es schwierig, wirklich ein Teil der erforschten Gruppe zu werden, sei es aus methodischen, aus Zeit- oder Geldgründen. Und oft reicht das auch nicht aus, um wirklich über einen bestimmten Bereich Bescheid zu wissen. Deshalb bedienen sich die Forscherinnen und Forscher im Feld (so nennen sie den Ort, an dem sie forschen) neben dieser sogenannten teilnehmenden Beobachtung auch anderer Methoden: Sie beobachten mit der Videokamera oder dem Fotoapparat, sie führen Interviews (einzeln oder in Gruppen), erheben Mental Maps (subjektive Karten der Straßen und Bezirke, in denen die Menschen leben), machen Wahrnehmungsspaziergänge, sie lesen Texte, die Gruppenmitglieder verfasst haben, recherchieren in Archiven, schauen Filme oder Kunstwerke an, die etwas über das Phänomen erzählen. So versuchen sie auf eine möglichst umfassende Art und Weise etwas über das untersuchte Phänomen zu lernen.

Vorher ist auch das Lesen von (wissenschaftlichen) Texten wichtig. Denn gerade weil die Forschungsfelder überschaubar sein sollen, um ein konkretes Fenster in einem Themenfeld zu eröffnen, müssen sie vorher genau fixiert und eingegrenzt werden. Dazu ist die Kenntnis der einschlägigen Forschungsliteratur ebenso notwendig wie das Wissen um die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Und nicht in jedem Feld werden wir so nahe an die Akteure herankommen können, wie wir uns das wünschen: wirkliche teilnehmende Beobachtung ist etwa in einem Ministerium genauso schwierig wie unter Obdachlosen.

Ethnographische Forschung ist daher auch nicht repräsentativ – es geht nicht darum, Statistiken herzustellen oder eine möglichst große Anzahl an Menschen zu befragen. Statt dessen versucht die Europäische Ethnologie Antworten zu geben, die aus einer umfassenden Kenntnis des Feldes gespeist sind. Es werden zwar keine großen Zahlen untersucht, dafür aber kleine Gruppen sehr genau. Ethnologinnen und Ethnologen wollen ihren Untersuchungsgegenstand verstehen und interpretieren, nicht auflisten. Weil die Methodik in der Ethnologie so wichtig ist, wird meist auch schon in der Ausbildung der Studierenden der Europäischen Ethnologie großen Wert darauf gelegt, dass diese praktische Erfahrung sammeln und das Forschen üben können.

Am Ende der ethnologischen Forschung steht dann ein ethnografischer Text, der möglichst nahe an die Akteure heranführen und sie vor allem auch selbst zur Sprache kommen lassen will: in ihren Bildern und Erzählungen, in den bei ihnen beobachteten Handlungen und Ritualen. Im Glücksfall sind dies dann Texte, Bücher, Filme oder Ausstellungen, die nicht nur von wissenschaftlichem Interesse sind, sondern auch von den untersuchten Akteuren selbst gelesen und ihrerseits kommentiert werden können. Zugleich ist damit bereits auch eine Brücke geschlagen zu ethnologischen Berufsfeldern, die solches Wissen professionell erheben und vermitteln.

 

Ein Fach – viele Namen?!

Europäische Ethnologie gibt es als Bachelor- und Masterstudiengang nicht nur in Berlin, sondern in vielen anderen deutschen wie europäischen Universitätsstädten. Gerade im deutschsprachigen Raum sind aber auch noch andere Bezeichnungen gängig, wie Volkskunde, Empirische Kulturwissenschaft oder Kulturanthropologie. Diese manchmal irritierende Namensvielfalt ist das Ergebnis von Richtungsdebatten innerhalb der Volks- und Völkerkunde, die seit den 1960er Jahren geführt werden und bis heute andauern. Zum Teil spiegeln sich darin auch Orientierungen an den internationalen Debatten wider, wie sie etwa mit der amerikanischen Cultural Anthropology, der britischen Social Anthropology oder den Cultural Studies geführt werden.

In diesen unterschiedlichen Institutsnamen drücken sich also manchmal auch disziplinäre oder theoretische Unterschiede in der Fachkonzeption aus, die allerdings selten wirklich gravierend sind. Und andere Unterschiede kommen noch hinzu: Manche Institute arbeiten so überwiegend gegenwartsorientiert, andere stärker historisch, manche haben thematisch unterschiedliche Schwerpunkte, andere versuchen, eher räumliche und regionale Schwerpunkte zu bilden. Auf jeden Fall lohnt sich bei den einzelnen Instituten ein Blick in die Veranstaltungsverzeichnisse, die Veröffentlichungen der dort lehrenden Professor_innen und der wichtigen Forschungsprojekte, um eine klarere Vorstellung von der jeweils lokalen Variante der Europäischen Ethnologie zu erhalten.

Weitere Informationen zum Fach bietet der Dachverband der Europäischen Ethnologie in Deutschland, die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde (dgv).