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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Statements

Was ist das Besondere an der Europäischen Ethnologie? Wodurch unterscheidet sie sich von anderen Fächern? Wir haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Instituts gefragt – sowohl, die in anderen Fächern studiert haben, aber schon viele Jahre in der Europäischen Ethnologie arbeiten und deshalb von „innen“ und von „außen“ schauen, aber auch bereits langjährig am Institut Beschäftigte.

 

Dr. Eszter Gantner, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschunsgprojekt „Jüdische Räume: Historische und symbolische Landschaften in Berlin und Budapest“:

Mein persönlicher Werdegang führte nicht direkt in die Europäische Ethnologie, denn zunächst studierte ich Jura, Geschichte und Politikwissenschaften. Als es später dann allerdings im Zuge eines Forschungsprojekts darum ging, die konkreten Praktiken von Akteur_innen im urbanen Raum zu erforschen, fand ich bei meinen angestammten Disziplinen nicht die passenden Methoden. Die Geschichtswissenschaft arbeitet fast ausschließlich mit schriftlichen Quellen, selten – wie zum Beispiel in Fall von oral history – mit Interviews. In der Politikwissenschaft geht es oft  um Theorien und Modelle vom bestimmten Prozessen. Was die Akteur_innen im urbanen Raum aber tatsächlich machen, und warum, das kann ich mit diesen Ansätzen nicht erfassen. Dafür brauche ich die Europäische Ethnologie.

Dabei gibt es zwar durchaus auch Verbindungslinien zwischen meinen ursprünglichen Studieninhalten und der jetzigen, europäisch-ethnologischen Forschung: Von der Geschichtswissenschaft nehme ich beispielsweise mit, sowohl die Forschungsfragen als auch das jeweilige Feld historisch zu kontextualisieren. Meine juristische Vorbildung hilft dabei, die Ergebnisse zu entsprechend zu systematisieren. Doch das Spektrum an konkreten Praktiken, Strategien und Aktivitäten von Akteur_innen im Raum, die in ihren Wechselwirkungen doch sehr komplex sein können, sind nur aus einer ethnologischen Perspektive heraus detailliert erfassbar, das heißt mit diesem spezifischen "europäisch-ethnologischen Blick", der eben jene Akteur_innen und ihre Praktiken sowohl methodisch als auch theoretisch in den Mittelpunkt stellt. Für die Europäische Ethnologie charakteristische Herangehensweisen an ein Feld, wie zum Beispiel die Teilnehmende Beobachtung oder auch Wahrnehmungsspaziergänge in der Stadt machen so den urbanen Raum überhaupt erst wahrnehmbar und gewissermaßen "erfühlbar". Dabei werden Methoden und Ansätze beständig weiterentwickelt, um der Komplexität der Forschungsfelder gerecht zu werden. In diesem Sinne handelt es sich also um ein sehr dynamisches Fach.

 

Prof. Dr. Jörg Niewöhner, seit 2004 zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter in verschiedenen Forschungszusammenhängen, seit 2012 Juniorprofessor für Stadtanthropologie:

Ursprünglich habe ich in England Umweltwissenschaften studiert, also zwar in einem europäisch ethnologischen Themenfeld, aber mit überwiegend naturwissenschaftlichem Zugriff. Nun ist es ja aber so, dass ökologische Probleme im weitesten Sinne weder entlang der naturwissenschaftlichen Disziplinengrenzen auftreten, noch sich um die scharfe Trennung in Natur- und Sozialwissenschaften scheren. Menschen leben nun einmal in Umwelten, die sowohl „kultürlich“ wie natürlich gestaltet sind.

Das ethnografische Forschen bietet in dieser Gemengelage nun einen interessanten Zugang. Erstens erlaubt er mir, direkt auf die Alltage der Menschen zu schauen und zu beobachten bzw. zu erfragen, wie Menschen ihre Umwelt gestalten und wie sie sie sich aneignen, aber eben auch wie ihr Alltag und ihre Lebensentwürfe durch sie bestimmt werden und mit ihr in Einklang gebracht werden können – oder eben nicht. Zum anderen kann ich aber auch ethnografisch in den Naturwissenschaften selbst forschen und damit aus einer anderen Perspektive und mit einem anderen Zugang  auf die Wissensbestände schauen, die ich selber ursprünglich studiert habe. Ich kann mit Wissenschaftler_innen sprechen, ihre Labore und Experimente ethnografisch untersuchen und dadurch besser verstehen, welches Verständnis von „Welt“ sich in ihren Methoden widerspiegelt  und wie sie gleichzeitig versuchen, die Welt zu verändern.

Das ethnografische Forschen ermöglicht mir hier also einen Brückenschlag zwischen Natur- und Sozialwissenschaften, der mir biografisch entspricht und den ich sehr spannend finde. Es ist aber ebenfalls ein Brückenschlag, der vor allem in denjenigen Forschungsfeldern vorangetrieben wird, in denen besonders deutlich wird, dass und wie spezialisiertes Wissen unsere Alltage und unser Zusammenleben bestimmt. Dass dieses spezialisierte Wissen, das ja in vielen Bereichen öffentliche wie fachliche Diskurse dominiert, nicht immer das Wissen „der Anderen“ bleibt, sondern „unseres“ wird bzw. in gesellschaftliche Entwicklungen eingebunden bleibt, dafür kann ich mich mittels ethnografischen Forschens am Institut für Europäische Ethnologie einsetzen.

 

Dipl.-Ethn. Falk Blask, seit 1991 Mitarbeiter:

Europäische Ethnologie beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Kultur, Alltag und sozialen Akteuren. Die theoretischen, methodischen und empirischen Zugänge in die damit verbunden Themenfelder sind die Basis des Studiums. Eine der größten Herausforderungen sind dabei mögliche Publikations- und Umsetzungsstrategien der Ergebnisse. Wie können Forschungsinformationen und -materialien in Texten (wissenschaftlich, populärwissenschaftlich, journalistisch), in Features (audiovisuell, filmisch), in Ausstellungen (Kataloge, Begleitveranstaltungen) und in Netzauftritten (Blog, Galerie) umgesetzt werden? Wer ist das Publikum? Wie wird es erreicht? Und wie werden interdisziplinäre, kommunalpolitische und sponsorische Netzwerke dafür eingebunden? Das Institut hat in den vergangenen 23 Jahren eine beachtliche Reihe solch studentisch-wissenschaftliche Projekte realisieren können. Zahlreiche Ausstellungen, Dokumentationen, Zeitschriften, Blogs, Magazine, Buchbände, Radio- und Filmbeiträge sind Zeugnisse davon. Natürlich sind diese „Produkte“ nicht nur Ausdruck harter Arbeit, sondern auch gute Nachweise für die eigenen Umsetzungsfähigkeiten und künftigen Bewerbungen. Dem alten Königsberger Gemeindespruch (1793): „Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ versuchen wir uns entgegen zu stellen. Wir denken, lehren und handeln eher mit den Worten August Bebels: „Um schwimmen zu lernen, muss ich ins Wasser gehen, sonst lerne ich nichts.“