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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Postdoc-Forschung / Habilitation

Stadt aus Glas: Wie digitale Transparenz-Initiativen urbane Sozialität und Solidarität verändern

 

Transparenz, das ist nicht nur eine optische Materialeigenschaft sondern – so die Ausgangsthese meines kürzlich begonnenen Habilitationsprojekts – Schlüsselbegriff einer Wissensanthropologie der Gegenwart. Bezeichnet wird mit Transparenz gegenwärtig Nachvollziehbarkeit und Durchschaubarkeit im positiven Sinne, erreicht durch die Bereitstellung von Informationen. Transparenz ist somit eine zunehmend machtvolle Rationalitätsform, und scheint Lösungswege für die Legitimationsprobleme und Kontingenzzumutungen spätmoderner Regierungs-, Verwaltungs- und Arbeitspraxen bereitzustellen. Zuweilen scheint Transparenz damit eine zeitgenössische Antwort zu geben auf eine große Frage: Wie wollen wir leben?

Als Rationalitätsform hat Transparenz eine moralische Dimension (Offenheit, Kontrolle der Machthaber, Effizienzsteigerung) und eine technologische Dimension (Digitalisierung, transparente Bauweise, Verdatung). Ihre Anfänge lassen sich zur Verwaltungstheorie Benthams zurückverfolgen, virulent ist sie als politisches Schlagwort wieder seit knapp zwanzig Jahren. Und sie ist eine schillernde Figuration: Kritikerinnen verorten in ihr Neoliberalismus und Überwachung wie, gegenläufig, Emanzipation und Machtkontrolle...

In Verschränkung einer politischen Anthropologie von unten, Stadtforschung und materiell-semiotischer Infrastrukturforschung fragt mein Post-Doc Projekt nach den greifbaren „Praktiken der Vernunft“ (Paul Rabinow) durch welche Transparenz vorangetrieben wird. Städtische Transparenz-Initiativen mit den Zielen urbane Gestaltungsprozesse offener zu handhaben und Nachbarschaften zu de-anonymisieren um solidarische Prozesse voranzutreiben werden untersucht. Kurz: Im Fokus stehen Versuche Stadt durch Transparenz "besser" zu machen. Ethnographische Leitfragen: Auf welches konkrete Problem wird hier eigentlich reagiert? Was wird tatsächlich sichtbar und was – ein evidenter Effekt von Transparenz – wiederum unsichtbar gemacht? Welche neuen (sozialen wie materiellen) Beziehungen werden gestiftet? Welche Machteffekte sind zu beobachten? Antworten ermöglichen eine ethnographische Analyse der Dilemmata urbaner Sozialität und Solidarität in der Spätmoderne und des Umgangs mit urbaner Öffentlichkeit als bürgerlichem Erbe.