Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Lehre

SoSe 2021: Zwischen ethischen Zukunftsvisionen und realen Möglichkeiten: Handlungsspielräume und strukturelle Grenzen gemeinwohlorientierter Unternehmen in Berlin

Bachelorseminar, Modul 6

 

Das von Christian Felber (Felber 2010) entwickelte alternative Wirtschaftsmodell der Gemeinwohl-Ökonomie strebt die Mehrung des Gemeinwohls anstelle der Mehrung des Kapitals an. Unter Gemeinwohl gefasst werden die Werte Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. Zur Umsetzung des Konzepts werden Unternehmen (aber auch Vereine, Institutionen und Gemeinden) angeregt, eine Gemeinwohl-Bilanzierung anhand normativ festgelegter sozial-ökologischer und ethischer Kriterien zu erstellen. Die Gemeinwohl-Bilanzierung beinhaltet dabei umfassend soziale, ökologische, demokratische und kooperative Aspekte und bewertet nicht nur das Produkt oder die Dienstleistung des Unternehmens, sondern auch das Unternehmen selbst wie beispielsweise die Bezahlung und die Partizipation der Mitarbeitenden, die ökologische Verantwortung der im Unternehmen Beschäftigten, aber auch die sozial-ökologischen Standards des Finanzdienstleisters und der Zuliefererfirmen oder den Nutzen des Unternehmens für zukünftige Generationen. Als Anreiz für dieses veränderte Gemeinwohlstreben soll eine veränderte Besteuerung dienen, so dass sich ein werteorientierter Unternehmensfokus entwickeln kann. Damit sollen die strukturellen Zwänge, die bislang die in Konkurrenz zueinanderstehenden Unternehmen zu einer Profitmaximierung auf Kosten der Umwelt und der Menschen nötigen, aufgelöst und die wirtschaftlichen Strukturen so umgewandelt werden, dass ein kooperatives Miteinander im Streben um das größtmögliche Gemeinwohl nicht nur ermöglicht, sondern sogar strukturell angelegt wird (Giselbrecht/Ristig-Bresser 2017, Kühn 2019). Mehr als 2.000 Unternehmen unterstützen bislang das Modell, wovon rund 400 Mitglieder der Gemeinwohl-Ökonomie sind oder bereits eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt haben.


In dem Seminar werden die ethischen Vorstellungen der Gemeinwohl-Ökonomie sowie die Handlungsmöglichkeiten und strukturellen Grenzen gemeinwohlorientierter Unternehmen unter kulturwissenschaftlicher Perspektive untersucht. Dafür werden zuerst die aktuellen gesellschaftlichen Risiken in Bezug auf das Ökosystem, den gesellschaftlichen Wohlstand, den sozialen Zusammenhalt und die subjektive Leistungsfähigkeit in ihrem strukturellen Zusammenhang analysiert (Brand/Wissen 2017, Enste 2015, Göpel 2020, Jackson 2013, Neckel 2018, WBGU 2011, Weizsäcker/Wijkman 2017). Dabei stehen die konkreten Wechselwirkungen von gesellschaftspolitischen Diskursen, wirtschaftspolitischen Strukturen und sozial-kulturellen Praktiken im Mittelpunkt der Analyse, durch die kulturelle und normative Orientierungen konstituiert und Subjektivitäten, Selbstbilder und Selbstverständnisse verhandelt, (re)produziert oder transformiert werden (Adloff 2018, Bourdieu 1998, Reckwitz 2008). Auf dieser Basis soll die Gemeinwohl-Ökonomie als alternatives Wirtschaftskonzept, aber auch als ein alternatives kulturell orientierendes Wissenskonzept mit ihren alternativen Wertvorstellungen (Menschenwürde, globale Gerechtigkeit, ökologische Verantwortung, Transparenz, Partizipation), den veränderten Organisationsstrukturen (Kooperation, Soziokratie, Konsententscheidungen, Gewaltfreie Kommunikation) und einer alternativen Zukunftsimagination (Adloff/Neckel 2019, Dierksmeier 2016, Eisenstein 2017, D’Alisa/Demaria/Kallis 2015, Schmelzer/Vetter 2019, Schneidewind/Zahrnt 2013) betrachtet werden. Anhand konkreter empirischer Beispiel werden anschließend die Handlungsspielräume und die strukturellen Grenzen gemeinwohlorientierter Unternehmen analysiert und nach Möglichkeiten von kulturellem und sozialem Wandel gefragt (Heidbrink u.a. 2018, Kühn 2020, Scheffler/Lieber 2018, Schneidewind 2018, Sommer/Welzer 2014).

 

Literaturliste

Adloff, Frank / Sighard Neckel (2019): Modernisierung, Transformation oder Kontrolle? Die Zukünfte der Nachhaltigkeit. In: Klaus Dörre / Hartmut Rosa / Karina Becker / Sophie Bose / Benjamin Seyd (Hg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie. Wiesbaden, S. 167-180.

Adolff, Frank (2018): Politik der Gabe. Für ein anderes Zusammenleben. Hamburg.

Adolff, Frank / Steffen Mau (Hg.) (2015): Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität. Frankfurt a.M.

Akademie solidarische Ökonomie, Harald Bender, Norbert Bernholt, und Bernd Winkelmann, (Hg.) (2012): Kapitalismus und dann? Systemwandel und Perspektiven gesellschaftlicher Transformation. München: oekom verlag.

Bender, Harald (2012): Gesellschaftlicher Wandel. In: Akademie Solidarische Ökonomie, Harald Bender, Norbert Bernholt und Bernd Winkelmann (Hg.): Kapitalismus und dann? Systemwandel und Perspektiven gesellschaftlicher Transformation. München: oekom verlag.

Bourdieu, Pierre (1998): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt a.M.

Bourdieu, Pierre (2005): Die Ökonomie der symbolischen Güter. In: Frank Adloff  / Steffen Mau (Hg.): Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität. Frankfurt a. M., S. 139-155.

Brand, Ulrich / Markus Wissen (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. München.

Brand, Urich / Harald Welzer (2019): Alltag und Situation. Soziokulturelle Dimensionen sozial-ökologischer Transformation. In: Klaus Dörre, Hartmut Rosa, Karina Becker, Sophie Bose und Benjamin Seyd (Hg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften: Sonderband des Berliner Journals für Soziologie, S. 313–32. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a.M.

D'Alisa, Giacomo / Federico Demaria / Giorgios Kallis (2015): Degrowth: A Vocabulary for a New Era. New York / London. (Dies. [2016]:  Degrowth: Handbuch für eine neue Ära. München: oekom verlag).

Dierksmeier, Claus (2016): Qualitative Freiheit. Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung. Bielefeld.

Eisenstein, Charles (2017): Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich. München.

Enste, Dominik H. (2015): Markt und Moral. Eine ordnungsethische Reflexion. Köln.

Exner, Andreas / Brigitte Kratzwald (2012): Solidarische Ökonomie & Commons. INTRO. Eine Einführung. Wien.

Felber, Christian (2010): Die Gemeinwohl-Ökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Wien.

Giselbrecht, Andreas Michael / Stephanie Ristig-Bresser (2017): Gemeinwohl-Ökonomie: Das Modell einer ethischen Wirtschaftsordnung. In: Konzeptwerk Neue Ökonomie & DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.): Degrowth in Bewegung(en). 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation. München, S. 176-187.

Göpel, Maja (2020): Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Berlin.

Heidbrink, Ludger / Josefa Kny / Ralf Köhne / Bernd Sommer / Klara Stumpf / Harald Welzer / Jasmin Wiefek (2018): Schlussbericht für das Verbundprojekt Gemeinwohl-Ökonomie im Vergleich unternehmerischer Nachhaltigkeitsstrategien (GIVUN). Flensburg & Kiel.

Helfrich, Silke / Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Bielefeld 2014.

Helfrich, Silke / Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. München 2009.

Jackson, Tim (2013 [2009]): Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung. Bonn.

Kühn, Cornelia (2019): Die Gemeinwohl-Ökonomie zwischen utopischen Visionen und basisdemokratischen Entscheidungen. In: Karl Braun / Claus-Marco Dieterich / Johannes Moser / Christian Schönholz (Hg.): Wirtschaften. Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Sammelband des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde. Marburg, S. 187-195.

Kühn, Cornelia (2020): Zwischen ethischen Vorstellungen und strukturellen Zwängen: Aushandlungen um ökologische Verantwortung in gemeinwohl-bilanzierten Unternehmen. In: Kuckuck. Notizen zur Alltagskultur 2/20, Thema „Klima“.

Lessenich, Stephan (2019): Mitgegangen, Mitgefangen. In: Klaus Dörre / Hartmut Rosa / Karina Becker / Sophie Bose / Benjamin Seyd: Große Transformation? Zur Zukunft Moderner Gesellschaften. Wiesbaden, S. 57-73.

Mauss, Marcel (1968 [1924]): Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt a.M.

Neckel, Sighard (2018): Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Soziologische Perspektiven. In: Sighard Neckel / Natalia Besedovsky / Moritz Boddenberg / Martina Hasenfratz / Sarah Miriam Pritz / Timo Wiegand: Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. Bielefeld, S. 11-24.

Ostrom, Elinor (2011): Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter. München.

Reckwitz, Andreas (2006): Das hybride Subjekt: Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist: Velbrück Wiss.

Reckwitz, Andreas (2020): Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Rosa, Hartmut (2019): „Spirituelle Abhängigkeitserklärung“. Die Idee des Mediopassiv als Ausgangspunkt einer radikalen Transformation. In:  Klaus Dörre, Hartmut Rosa, Karina Becker, Sophie Bose und Benjamin Seyd (Hg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften: Sonderband des Berliner Journals für Soziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, S. 35-53.

Sandel, Michael J. (2014): Was man für Geld nicht kaufen kann, Die moralischen Grenzen des Marktes. Berlin: Ullstein Taschenbuch Verlag.

Sandel, Michael J. (2020): Vom Ende des Gemeinwohls. Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag.

Scheffler, Dirk / Andreas Lieber (2018): Mehr Wert schaffen – gemeinwohlorientierte Unternehmenspraxis im Interview. Einführung, Erfolgsfaktoren und Akzeptanz wertorientierter Organisationsentwicklung am Beispiel der Gemeinwohlbilanzierung. Umweltpsychologie 22/2, S. 88-118.

Schmelzer, Matthias / Andrea Vetter (2019): Degrowth / Postwachstum zur Einführung. Hamburg: Junius. 

Schneidewind, Uwe (2018): Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Frankfurt a.M.

Schneidewind, Uwe / Angelika Zahrnt (2013): Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik. München.

Sennett, Richard (1998): Der flexible Mensch. Berlin.

Sennett, Richard (2005): Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin.

Sommer, Bernd / Harald Welzer (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. München.

Sommer, Bernd / Jasmin Wiefek (2015): Kein richtiges Leben im falschen? Wachstumsneutrale Unternehmen in der Wachstumswirtschaft. In: Stephan Lessenich (Hg.) (2015): Routinen der Krise – Krise der Routinen. Verhandlungen des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier 2014, S. 926-935.

Voß, Elisabeth/Netz für Selbstverwaltung und Selbstorganisation (Hg.): Wegweiser Solidarische Ökonomie. Anders Wirtschaften ist möglich! Neu-Ulm 2010.

WBGU (2011): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Hauptgutachten.

Weizsäcker, Ernst Ulrich von / Anders Wijkman u.a. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Gütersloh.

Welzer, Harald/Stephan Rammler (Hg.): Der FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2013. Geschichten vom guten Umgang mit der Welt. Frankfurt a.M. 2012.

 

Bisher angebotene Seminare und Veranstaltungen:

 

  • WiSe 2017/18: Einführung in die empirischen Methoden (BA-Seminar, Modul 1)
  • WiSe 2017/18: Populärkultur - Geschichte, Praxis, Diskurse (BA-Seminar, Modul 4)
  • SoSe 2017: Commons – Formen kooperativen und gemeinschaftlichen Wirtschaftens (BA-Projektseminar, Modul 8)
  • SoSe 2017: Protestbewegungen in Geschichte und Gegenwart (BA-Seminar, Modul 5 und 6)

  • WiSe 2016/17: Commons – theoretische Modelle und Praxisbeispiele (MA-Seminar, Modul 3)
  • WiSe 2016/17: Einführung in die empirischen Methoden (BA-Seminar, Modul 1)
  • SoSe 2016: Solidarische Ökonomie. Neue Formen des sozialen und ökologischen Wirtschaftens (BA-Projektseminar, Modul 8)
  • SoSe 2016: Zur Veränderung der Stadtkultur zwischen Globalisierungsprozessen und lokaler Eigenlogik (BA-Seminar, Modul 4 und 5)
  • WiSe 2015/16: Subjektivierung und Identifikation (BA-Seminar, Modul 4)
  • WiSe 2015/16: Einführung in die empirischen Methoden (BA-Seminar, Modul 1)
  • SoSe 2015: Populärkultur - Geschichte, Praxis, Diskurse (BA-Seminar, Modul 7)
  • SoSe 2015: Postwachstumsgesellschaft, solidarische Ökonomie und die Kultur ökonomischen Handelns (BA-Seminar, Modul 6)
  • SoSe 2015: Protestbewegungen: Entstehung, Akteure, Gestaltung (BA-Seminar, Modul 6)
  • WS 2014/15: Vom Heimatfest zum multikulturellen Event: Zur Veränderung der urbanen Festkultur in Berlin (BA-Seminar, Modul 5 und 6)
  • WS 2013/14: Urbane Aushandlungen – Die Stadt als Aktionsraum (Institutskolloquium, gemeinsam mit Dominik Kleinen)
  • WS 2012/13: Massenkultur - Kulturindustrie - Populärkultur (BA-Seminar, Modul 5)
  • SoSe 2010: Berliner Volksfeste - Inszenierungen der eigenen und fremden Kultur (BA-Seminar, Modul 5, gemeinsam mit Dominik Kleinen)
  • 28.06. - 1.07.2007: Wissen und Gesellschaft - Entstehung, Anwendung und Konzeptionen von (wissenschaftlichen) Wissen (Promovierendentreffen des Evangelischen Studienwerks Villigst e.V.)
  • SoSe 2007: Alltagspraxis und Lebensführung: Ethnografische Perspektiven (Institutskolloquium, gemeinsam mit Moritz Ege)
  • SoSe 2006: Vom Prol(l) zu Pop? Kulturen der Unterschichten (SE, gemeinsam mit Prof. Wolfgang Kaschuba)
  • SoSe 2005: Wellness, Yoga, Meditation - die Entstehung einer neuen Lebensführung? (Lektürekurs)
  • April 2002: The European City and its Representations (Leitung der deutschen Studierendengruppe beim Erasmusseminar in Paris)