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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

MACHmit!-Museum für Kinder

 

Die große Chance ist, dass ich in meinem Job total frei denken kann.

Uta Rinklebe studierte Kulturwissenschaften und Europäische Ethnologie im Zweitfach an der Humboldt-Universität, bevor sie dann gleich ihr erstes Praktikum nach dem Magisterabschluss zu der Stelle führte, die sie heute inne hat: Sie arbeitet seit 2008 als pädagogische Leitung und nun auch als stellvertretende Geschäftsführerin im MACHmit!-Museum für Kinder. Zum Zeitpunkt unseres Gespräches hatte sie außerdem gerade ein Buch für das Deutsche Kinderhilfswerk fertig gestellt, das sie mit ihrer ehemaligen Kommilitonin Eva von Schirach geschrieben hat und in dem es um die UN-Kinderrechte geht. Es trägt den Titel: "Hier steht nichts drin, was du nicht wissen musst". In unserem Gespräch wies sie ausdrücklich darauf hin, dass das MACHmit!-Museum immer wieder gerne Praktikant_innen aus der Europäischen Ethnologie sucht.

Das Interview führte Tina Reis.

 

Wo arbeitest du und was machst du da?

Ich arbeite im MACHmit! Museum für Kinder, das ist eine gemeinnützige Organisation und ein privates Museum in Berlin-Prenzlauer Berg. Dort bin ich die pädagogische Leitung und stellvertretende Geschäftsführerin.

 

Kannst du noch kurz ausführen, was ein "Kindermuseum" ist?

Ein Kindermuseum ist ein Museum, das sich speziell auf Kinder zwischen 3 und 12 Jahren konzentriert. Unsere Ausstellungen beschäftigen sich mit der Alltagskultur der Kinder. Wir greifen Themen, die in der Lebenswelt der Kinder vorkommen, auf und vertiefen sie. Da gibt es ganz unterschiedliche Ausstellungsthemen, zum Beispiel "Papier", "Schokolade macht glücklich", "Schlafen und Träumen", usw.

Weil wir ein außerschulischer Bildungsort sind, haben wir aber auch Themen, die uns selbst bewegen, zum Beispiel die UN-Kinderrechte: Das ist ein Thema, das die Kinder nicht an uns herangetragen haben. Uns war es aber ein großes Anliegen, den Kindern klarzumachen, was es mit Kinderrechten auf sich hat und welche Rechte sie überhaupt haben.

Jetzt im Moment haben wir die aktuelle Ausstellung "Erzähl mir doch kein Märchen!". Da geht es darum, sich anhand der Grimm's Märchen mit den Kinderrechten auseinander zu setzen, und für die älteren Kinder geschieht die Auseinandersetzung auch mittels Fotokunst, denn wir stellen auch Fotos von Studenten der Fotoagentur Ostkreuz aus.

 

Für welchen Bereich bist du zuständig?

Ich bin unter anderem für die Ausstellungskonzeption zuständig, aber mein eigentlicher Arbeitsbereich ist die (pädagogische )Leitung der Museumspädagogik: Ich bin für alle Mitarbeiter verantwortlich, die im Ausstellungsbereich arbeiten. Das heißt, ich arbeite die Mitarbeiter ein, führe die Einstellungsgespräche, überlege mir welche Werkstätten angeboten werden, an denen die Kinder selber etwas tun können, überlege mir wie die Führungen funktionieren und arbeite die Mitarbeiter darin ein, und führe Personalgespräche. Und ich gehe natürlich in die Sitzungen ("Steuerungsrunde" heißt das bei uns), bei denen sich alle Betriebsteile treffen und die Themen des Hauses besprechen, da bin ich dann dafür zuständig, die Belange der Museumspädagogik zu vertreten. Außerdem bin ich seit einem Jahr stellvertretende Geschäftsführerin und werde eingearbeitet, die Position der Geschäftsführerin zu übernehmen, wenn sie in Rente geht.

 

Wie bist du eigentlich zu der Stelle gekommen?

Eigentlich hatte ich nach dem Studium im Blick (gehabt), bei einer Kinderhilfsorganisation zu landen. Ich habe meine Magisterarbeit über das Bild vom Kind geschrieben und habe mich in dem Zuge ganz intensiv damit auseinander gesetzt, wie Kinder wahrgenommen werden in der Gesellschaft. Für diese Arbeit habe ich eine lobende Erwähnung beim medius – Preis erhalten, und aufgrund dessen wurde mir ein Praktikumsplatz beim Deutschen Kinderhilfswerk zugesagt.

Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, habe ich dann ein unbezahltes Praktikum im MACHmit!-Museum angefangen; einfach weil ich dachte, der Bereich Museum ist ja auch ganz interessant. Während meines Studiums hatte ich mich allerdings eher nicht so viel mit Museumsthemen beschäftigt. Das Praktikum hat mir dann auch doch total gut gefallen, und ich hatte das Glück, dass genau zu der Zeit die pädagogische Leitung sich verliebt hat und in die Schweiz gezogen ist. Es wurde dann also jemand gesucht, und es gab mehrere Stimmen im Haus, die gesagt haben: Ihr könnt euch ja mal mit Uta unterhalten. Nach dem Praktikum beim Kinderhilfswerk bin ich also hierher zurückgekommen und habe den Job angefangen.

Als ich das Praktikum hier im Museum damals anfing, gab es mehrere Stimmen von befreundeten Ethnolog_innen, die gesagt haben: Mach das auf keinen Fall, ein unbezahltes Praktikum, fang gar nicht erst an unter deiner Würde zu arbeiten. Ich erzähle das deshalb ganz gerne, weil so ein Weg eben, wie man bei mir sieht, doch auch manchmal funktionieren kann. 

 

Wie sieht denn dein typischer Arbeitsalltag aus, wenn es überhaupt einen gibt?

Der ist total vielfältig, und das finde ich auch wirklich super spannend. Ich habe natürlich ein Büro, in dem ich auch viel  arbeite, aber ich bin auch ständig im ganzen Haus unterwegs. Wenn ich morgens ins Museum komme, dann orientiere ich mich erst mal an der Kasse, welche Mitarbeiter krank sind und wie die Stimmung ist, oder ob vielleicht schon etwas kaputt ist in der Ausstellung oder ähnliches. Dann lese ich meine E-Mails und bespreche mit meinen beiden Assistenten, was so anliegt. Im Laufe des Tages habe ich meistens auch einen Termin mit der Museumsdirektorin, und dann gibt es natürlich auch bestimmte feste Termine, zum Beispiel Teamsitzungen und Praktikantensitzungen, und immer wieder mal Bewerbungsgespräche, Besprechungen mit dem Haushandwerker, usw. Ich muss auch Beurteilungen und Praktikantenzeugnisse schreiben, und dann kommt natürlich noch die ganze inhaltliche Arbeit dazu.

 

Was findest du spannend an deiner Arbeit?

Vor allem finde ich spannend, dass es immer ganz unterschiedliche Themen sind, die wir behandeln, denn die Ausstellungen wechseln ungefähr einmal im Jahr. Und man kommt eben auch ganz intensiv mit den Kindern ins Gespräch, kann aber auch wissenschaftlich arbeiten, denn man muss diese Themen ja erstmal selbst verstehen, um dann zu überlegen, wie man sie jungen Menschen näher bringen kann. Das ist wirklich eine hohe Kunst.

Die große Chance ist, dass ich in meinem Job total frei denken kann: Es gibt zwar noch die (die) Museumsleitung, die ihre eigenen Vorstellungen vertritt, aber wenn ich eine Führung konzipiere, dann redet mir da keiner rein.

Auch inhaltlich ist das ein unglaublich spannendes Arbeitsfeld, das kann ich auch als Europäische Ethnologin sagen: Ich suche mir Themen aus der Gesellschaft, und die kann ich unter einem ethnologischen Blickwinkel betrachten.
 

Da wären wir auch gleich bei der nächsten Frage: Welche Verbindungslinien siehst du zwischen dem, was du jetzt beruflich tust, und deinem ursprünglichen Studium? Was kannst du in deiner Berufspraxis anwenden, und was musstest du dir neu aneignen?

Im Studium habe ich nicht gelernt, eine Führungsposition einzunehmen, das musste ich mir erst erarbeiten. Dazu habe ich auch eine Weiterbildung gemacht. Ansonsten ist es ja einfach dieser "ethnologische Blick", den man sich im Studium aneignet und mit dem man auf die Gesellschaft schaut, und der auch in meiner eigenen Berufspraxis immer wieder eine Rolle spielt. Dazu fällt mir ein Beispiel ein: Es gibt bei uns im Haus Evaluationsbögen, die wir nach jeder Führung austeilen. Die interessieren mich aber eigentlich gar nicht. Denn während die Kinder gerade etwas anderes machen, unterhalte ich mich mit den Lehrern über die Führung, und da kommen wir dann gut ins Gespräch und ich erfahre viel mehr darüber, was eigentlich gut funktioniert bei der Führung, und was die Kinder interessiert. Die Kinder befrage ich natürlich auch. Und das, finde ich, ist ein ganz klassischer ethnologischer Zugang.

Generell formuliere ich Fragestellungen ganz oft mit einem ethnologischen Blick, zum Beispiel wenn wir eine Ausstellung konzipieren, aber auch wenn Praktikant_innen um eine Forschungsfrage bitten, fallen mir meistens auch eher ethnologische Fragen ein. Dann möchte ich immer ganz gern, dass sie dieses "Übergangsritual" untersuchen, das sich abspielt, wenn Besucher zum ersten Mal hier reinkommen und vorher noch nie in einem Kindermuseum gewesen sind. Denn dann wissen die erstmal nicht so genau, was sie hier überhaupt machen sollen, bis sie kapiert haben, dass sie hier alles anfassen und auch mal was ausprobieren können. Diesen Übergang finde ich total interessant.

Die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens, die man im Studium lernt, sind für diesen Job natürlich auch ganz wichtig: Ich muss mich ja jedes Mal in ein Thema intensiv einarbeiten, und wenn ich nicht weiß wie man einen Text liest und analysiert, oder auch wie man eigene Texte formuliert, ist das gar nicht möglich.

 

Welche Kompetenzen und Fähigkeiten sollte eine Person also mitbringen, wenn sie in diesem Berufsfeld Fuß fassen will?

Auf jeden Fall muss man offen auf Menschen zugehen können, und man muss sich in andere Menschen hinein denken können. Man muss sich aber selbst positionieren und eine eigene Haltung vertreten können. Speziell in meinem Job als pädagogische Leitung muss man auch Führungsqualitäten haben, das heißt, man muss sich wirklich dafür entscheiden, Menschen anzuleiten und wissen, dass man es nicht jedem recht machen kann. Dazu gehört auch, eigene Entscheidungen durchzusetzen und auszuhalten, dass andere das mitunter total bescheuert finden. Da muss man dann lernen, so eine bestimmte Lockerheit an den Tag zu legen.

Man muss auch Lust haben auf neue Themen und sich auf immer wieder neue Themen einlassen können. Und man braucht viel Energie, auch Sachen durchzuhalten. Wenn zum Beispiel gerade Ausstellungsumbau ist, schließen wir für 14 Tage das Museum, und in der Zeit wird eigentlich Tag und Nacht gearbeitet. Ich habe da wirklich teilweise Arbeitszeiten von 7 Uhr bis 1 Uhr nachts. Da muss man sich schon auch ein bisschen durchbeißen können. Mit geregelten Arbeitszeiten kann man nicht rechnen.

 

Was ist sonst noch wichtig, was bisher noch nicht zur Sprache kam?

Zum Schluss möchte ich gerne noch sagen, dass ich absolut sicher bin, dass es auf jeden Fall auch ein Arbeitsfeld für Europäische Ethnologen ist, in einem Museum für Kinder zu arbeiten. Das ist ja eine Bevölkerungsgruppe von einer Größe, die man nicht missachten kann. Und ich finde, es ist auch ein wichtiger Auftrag, bestimmte Themen an die Kinder heranzutragen, man kann ihnen hier auch sehr viel mitgeben.