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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Verbände/ Vereine

 

Man muss sich doch relativ viel über den eigenen Tellerrand hinaus beugen.

Matthias Krümmel schloss sein Magister-Studium hier am Institut für Europäische Ethnologie 2006 ab. Nach verschiedenen Zwischenstationen landete er zwei Jahre später dann schließlich über ein Praktikum beim BUND Berlin, dem Berliner Landesverband des BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Dort arbeitet er als Referent für Klimaschutzpolitik und betreibt in dieser Position schon seit 2008 "Lobbyarbeit im Sinne der Ökologie" – wie er seine Arbeit in unserem Telefongespräch selbst beschrieb.


Das Interview führte Tina Reis.

 

Wo arbeitest du, und was machst du dort?

Ich arbeite als Referent für Klimaschutzpolitik bei der Nichtregierungsorganisation BUND im Berliner Landesverband. Ein großer Schwerpunkt der Arbeit sind energiepolitische Themen, aber nicht nur: Ich habe mit vielfältigen stadtpolitischen Fragen zu tun. Dabei geht es um Bürgerbeteiligung, Stadtentwicklung und letztendlich die Frage: Wie stellen sich die Menschen die Zukunft der Stadt vor? Die Reichweite eines Umweltverbands darf allerdings nicht überschätzt werden. Wir sind ein eingetragener Verein und eine klageberechtigte Naturschutzeinrichtung, aber manchmal auch ein träger, zäher, alter Dampfer. Wir betreiben Lobbyarbeit im Sinne der Ökologie, nicht mehr und nicht weniger.

 

Wie bist du zu der Stelle gekommen?

Nach meinem Studium habe ich in verschiedensten Jobs gearbeitet, bis sich dann der "typische" Weg in eine Nichtregierungsorganisation anbot, nämlich über ein Praktikum. Damals ging es um den ersten Berliner Volksentscheid zum Thema Tempelhof, wofür ich die Koordinierungsstelle beim BUND betrieben habe. Das war 2008. Wir haben damals die politischen Parteien, die sich für die Schließung des Flugbetriebs engagierten, aber auch Bürgerinitiativen und andere Umweltschutzengagierte miteinander koordiniert. Veranstaltungsorga, Homepageerstellung, Terminierung von Fachgesprächen bis Demonstrationen, Kampagnenplanung, usw. Das war eine spannende Zeit, denn schließlich ging es um ein stadtpolitisch heiß umkämpftes Gebiet, das auch stadtgeschichtlich total interessant ist. Für mich als Ethnologen waren dabei die Fragen entscheidend: Wer verteidigt eigentlich was und inwiefern geht es um symbolisches Kapital? Insofern konnte ich da schon etwas „Ethnologisches“ beitragen. Für einen Großstadtverband ist es zwingend notwendig, sich auch mal eine sozio-kulturelle Brille aufzusetzen und die Lebenswelt und den homo sapiens als schützenswerte Art zu betrachten. Als Umweltverband kennen wir Kultur als wichtige Säule der Nachhaltigkeit. Dementsprechend arbeiten hier nicht nur Biologen und Physiker, sondern eben auch Geisteswissenschaftler, die einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Übersetzungstätigkeit von einem Milieu zum anderen leisten.

 

Das bedeutet, konkrete ökologische Kenntnisse sind erst einmal nicht entscheidend?

Entscheidend sind sie erstmal nicht, nein, aber sie sind natürlich auch nicht ausgeschlossen. Um Lobbyarbeit mit den verschiedensten Interessengruppen zu organisieren und mitzugestalten, ist das technische Detailwissen gar nicht mal so wichtig, sondern eher das Verhandlungsgeschick und die Koordinierung unterschiedlicher Bedürfnisse.

 

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Ich muss eher relativ spontan reagieren können. Alltägliche Aufgaben umfassen Bürgeranfragen, Interviewtermine, Textrecherche, und die Arbeit an konkreten Projekten, wozu dann auch Finanzierungsfragen und das Schreiben von Anträgen gehören. Der Teil der Arbeit, bei dem ich dann tatsächlich außerhalb des Büros unterwegs bin, ist nur ein Bruchteil von dem, was ich jeden Tag mache. Inhaltlich vertiefende Arbeit kommt dennoch oft zu kurz. Es gibt so viele interessante Themen, in denen ich gerne noch mehr Spezialist werden würde, aber die finden dann eher privat und nach Feierabend statt. Im konkreten Arbeitsalltag geht es um Kommunikationsaufgaben, Koordination, Organisation.

 

Welche Verbindungslinien siehst du zwischen dem, was du jetzt beruflich tust, und deinem ursprünglichen Studium?

Im Studium ist es ja eher so, dass man die Position des Fragenden erlernt, auch wenn authentische Teilnahme ein Ziel darstellt. Nun gerate ich öfter in die Situation, Befragter zu sein und Kommunikationskonzepten zu begegnen, die ich eigentlich lieber durchkreuzen will. Oft finden erst dann ernstzunehmende Gespräche statt, wenn sich zwei Seiten aufeinander zu bewegen.

Mit "Vermittlungsarbeit" meine ich: Ein Metier, das gegen etwas protestieren will, hat immer damit zu kämpfen, nicht sofort mit dem erhobenen Zeigefinger aufzutreten. Da eine Sprache zu finden, die den Menschen vermitteln kann, dass am Ende auch ein Mehrwert für sie rausspringen wird, das ist oft nicht so einfach. Da hilft mir die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, d.h. die Gegenseite auch wirklich anzunehmen und deren Argumente zu berücksichtigen. Das kam während des Studiums bedingt vor, beispielsweise bei der Rezeption der Cultural Studies. Ich glaube allerdings, dass man diese Kommunikationsfähigkeit im Studium nicht vollständig erlernen kann, die muss man sich auch aktiv aneignen.

Ich habe durch meine kulturwissenschaftliche Brille natürlich auch einen anderen Blick auf die Dinge als beispielsweise Ingenieure oder Biologen. Gerade die Diskussion über energiepolitische Themen ist ja oft furchtbar techniklastig, aber wenn ich dann über die Energiewende als gesellschaftliches Projekt rede, wird doch relativ schnell deutlich, dass ich mit dieser Herangehensweise viel erreichen kann.

 

Was kannst du denn Studierenden raten, die in diesem Berufsfeld Fuß fassen wollen?

Zunächst: Man kann nicht alle Nichtregierungsorganisationen über einen Kamm scheren, denn die haben immer nochmal ihre Eigenarten. Ich bin damals an die Stelle gekommen, weil ich mir ein Thema – Energie – erarbeitet habe und hartnäckig am Ball geblieben bin. Ich habe dann auch schnell angefangen, den hiesigen "Stallgeruch" anzunehmen. Sich auf die spezifische Art und Weise einzulassen, wie eine bestimmte Organisation funktioniert, aber auch gleichzeitig die eigenen Stärken auszuspielen und sich dadurch abzugrenzen, das ist schon sehr wichtig.

 

Möchtest du sonst noch etwas hinzufügen, was bisher noch nicht zur Sprache gekommen ist?

Ja. Diese Arbeit bedeutet eigentlich, tatsächlich vor Ort, bei den Menschen zu sein, das heißt so wenig Schreibtischarbeit wie möglich, soviel Expertise wie nötig. Man muss sich doch relativ viel über den eigenen Tellerrand hinaus beugen. Und dafür ist, so glaube ich, die Ethnologie doch ein ziemlich guter Startpunkt.