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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Institutskolloquium

Wann 10.01.2017 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC100) iCal
Wo Raum 311
Kontaktname
Modell Dorf im Spiegel - postsozialistische Ethnografie am Beispiel Golzow/Oderbruch

Maria Hetzer (Universität Siegen) und Labor „Anthropologie ländlicher Räume“

Die ethnografische Studie zum Handlungsspielraum von Akteuren im ländlichen Raum vor und nach 1989 am Beispiel Oderbruch ist Teil des DFG-Projekt ROOMS: Manövrierräume im Staatssozialismus (Siegen/Warschau). Sie nimmt zunächst die Auswirkung der Bodenreform und Kollektivierung für die Landbevölkerung der DDR am Beispiel Golzow in den Blick. Dabei geht es insbesondere um Adaptionsfragen, Aushandlungsprozesse und historische Faktoren, die den Erfolg und Misserfolg kollektiven Wirtschaftens und Zusammenlebens (mit)bestimmten. Von Bedeutung ist hier das Bild vom Dorf als Transitzone, als Ort und gebautem Raum im Prozess von Migration und sozialem Wandel.

Die Teilstudie zum Dorf Golzow, bekannt durch eine filmische Langzeitdokumentation zwischen 1961 und 2007, versteht sich als Nachdenken über die Möglichkeiten und Herausforderungen einer postsozialistischen Ethnografie zwischen historischem Dokument und Alltagsbeobachtung, zwischen Erinnerungskultur und aktueller Wirtschaftspolitik. Ostalgie und landgrabbing, Altersarmut und biodynamisch wirtschaftende Bauernhöfe, abgehängte Orte und das digital vernetzte Dorf sind nur einige Aspekte des komplexen Gebildes, innerhalb dessen Menschen agieren und ihre Handlungen begründen.

Die Wechselwirkungen zwischen praktischer Dorf- und Agrarpolitik, Alltagshandeln sowie Außenansichten werden anhand der Entstehung einer Modell-LPG und des 'sozialistischen Dorfes' nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs betrachtet. Des Weiteren wird die Kontinuität sozial-kultureller Praktiken im Rahmen ländlich-kollektiven Wirtschaftens über 1989 hinaus untersucht. Die vor Ort erfolgreiche Wirtschaftspraxis wird so in Bezug gesetzt zu lokalen Erinnerungskulturen und aktuellen Diskussionen um Landnutzung und soziale wie ökologische Nachhaltigkeit.

Kurzinfo zur Referentin:
Dr. Maria Hetzer ist Ethnologin und Performancewissenschaftlerin. Sie promovierte an der University of Warwick (UK) in den Bereichen Performance Studies und German Studies mit einer Untersuchung zum Thema Alltagserinnerung und Körpererfahrung von Frauen aus der DDR 1989-90. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der postsozialistischen Ethnografie und Alltagsforschung, u.a. auch im subsaharischen Afrika. So forschte sie z.B. zu gegenwärtigen Identitätspolitiken im Spannungsfeld zwischen Dekolonialisierung und Tourismus auf Zanzibar. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit der Entwicklung performativer, körperzentrierter Methoden für die empirische Datenerhebung, -analyse und -interpretation.