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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Geschichte der Straßenbenennung

Wann und warum kam es zu der Namensgebung?

Wahrscheinlich erhielt die Straße ihren Namen 1706 oder 1707. Dem Schriftsteller und Regionalhistoriker Christoph Friedrich Nicolai (1733-1811) zufolge fand die Namensgebung bereits 1706 statt (Nicolai 1709: 152 f.). Der Prediger Joachim Ernst Berger (1666-1734) gab in einer handschriftlichen Chronik der Friedrichstadt zum Datum der Namensgebung neu geschaffener Straßenzüge, so auch der "Mohrenstraße", das Jahr 1707 an. Er hielt dazu fest:

"[I]m Ausgang besagten Monaths [May], bekahmen die Gaßen, dem publico zum besten, ihre Nahmen."

Berger ca. 1730: 30; zit. nach dem Wikipedia-Eintrag "Mohrenstraße (Berlin)", Stand: 1.7.20

Warum der Name gewählt wurde, konnte bislang nicht geklärt werden. Manche Autor*innen vermuten einen Zusammenhang mit den, zumeist als Kinder nach Brandenburg-Preußen verschleppten, Schwarzen Bediensteten des preußischen Hofstaats, die als sogenannte "Hof"- oder “Kammermohren" für den Kurfürsten von Brandenburg (bzw. ab 1701 den König von Preußen) arbeiteten (Lauré al-Samarai 2019, T. 1: 39; Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag 2016: 37). Diese Annahme lässt sich mit der Analyse von Anne Kuhlmann-Smirnov (2013: 120 ff.) zusammenführen, der zufolge Schwarze Bedienstete in der Hofkultur des 16. bis 18. Jahrhunderts eine "repräsentative Funktion" besaßen. Ihre Präsenz demonstrierte, so die Historikerin, Weltläufigkeit und “weiße Herrschaft”. Vor diesem Hintergrund kann vermutet werden, dass die Straßenbezeichnung die Herrschaftsansprüche des preußischen Königs bekräftigen sollte.

Der Historiker Ulrich van der Heyden (2001: 61; 2008b: 19; 2014: 259 f.) hat eine andere Erklärung vorgebracht. Ihm zufolge wurde bereits Ende des 17. Jahrhunderts im "Berliner Bezirk Mitte … ein unbefestigter Weg als Mohrenstraße bezeichnet" (van der Heyden 2014: 259). Die Straßenbenennung sei zu Ehren einer 26-köpfigen afrikanischen Delegation erfolgt, die im Rahmen eines Vertragsabschlusses bezüglich der brandenburgischen Kolonie Groß-Friedrichsburg nach Berlin gereist war (ebd.). Diese Erklärung lässt sich allerdings, da keine Quellen angegeben sind, nicht nachvollziehen. Denn die Delegation, die sich 1684 nach "Cölln an der Spree" begab, bestand nur aus einem einzigen Repräsentanten einer Gruppe lokaler Herrscher ("Cabusiers") aus dem Küstengebiet des "Kap der drei Spitzen" (heute Princes Town in Ghana), die am 12. Mai 1684 einen "Schutzvertrag" mit dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm abgeschlossen hatten (abgedruckt in: Schück 1889, Bd. 2: 222 f. / Nr. 89). Bei dem Repräsentanten handelte es sich um Jan Jancke (in Begleitung eines Bediensteten), der am 29. September 1684 den vom Kurfürsten unterzeichneten "Schutzbrief" entgegennahm (ebd.: 236 f. / Nr. 94).

Auch van der Heydens Darstellung, wonach es einen unbefestigten Weg namens M*-Straße gegeben habe, lässt sich, wie der Historiker Christian Kopp (2015) recherchiert hat, anhand des historischen Stadtplans von Johann Bernhardt Schultz aus dem Jahr 1688 nicht nachvollziehen.