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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Europäische Ethnologie

Umbenennungsdebatte zur M*-Straße

 



 

Welche unterschiedlichen Meinungen gibt es zur M*-Straße?

Für jene, die den Straßennamen als diskriminierend bewerten – besonders (doch keinesfalls nur) Schwarze Aktivist*innen – ist der Name aus multiplen Gründen problematisch. Zum einen ist die Geschichte der Straße mit den deutschen Kolonialunternehmungen in Afrika und der Präsenz nach Berlin verschleppter Schwarzer Menschen, die als Hofbedienstete arbeiten mussten, verbunden, wie es etwa auch auf einem Wandbild in der U-Bahnstation "Hausvogteiplatz" illustriert wird. Zum anderen wird das Wort als rassistisch empfunden und bringt eine vermeintliche Rückständigkeit einer marginalisierten Gruppe von 'Außenseitern' zum Ausdruck. 

Der Name ruft Fragen über die Bedeutung von Gerechtigkeit und Menschenrechten in Deutschland hervor – neben seines rassistisch herabwürdigenden Sinngehalts auch wegen der Lage des Bundesjustizministeriums, das sich in der M*-Straße befindet. Durch das Erscheinen des M*-Wortes in den Anschriften von Unternehmen, Wohnhäusern und wissenschaftlichen Institutionen werden die negativen Konnotationen des Straßennamens in Deutschland, Europa und weltweit verbreitet. 

Einigen Kritiker*innen der Sraßenumbenennung kommt der Straßenname unproblematisch und die darüber geführten Debatten naiv und ahistorisch vor. So argumentiert beispielsweise der Historiker und Afrikaforscher Ulrich van der Heyden, dass "Afrikaner [Mitte des 17. Jahrhunderts] so gut wie ohne rassistische Konnotation" M* genannt worden seien (van der Heyden 2008a: 7). Der Gründer der "Initiative Pro Mohrenstraße" Bodo Berwald verweist darauf, dass das M*-Wort in der deutschen Sprache rein etymologisch keine rassistischen Wurzeln habe (Berwald 2016; Treusch 2019). Der Rechtsanwalt setzt sich dafür ein, dass der geschichtliche Bezug des Straßennamens zur preußisch-königlichen Ära erhalten bleibt und gewürdigt wird, da sie die einzige Straße Berlins sei, in der an Brandenburg-Preußen um 1700 erinnert würde (ebd. 2019).

 

Welchen Beitrag kann das Institut für Europäische Ethnologie in der Umbenennungsdebatte leisten?

Viele Mitarbeiter*innen und Studierende des Instituts für Europäische Ethnologie (IfEE) sind der Auffassung, dass der Straßenname grundsätzlich problematisch und mit rassistischen Konnotationen behaftet ist. Sie sind davon überzeugt, dass die Debatte über den Namen stark mit Fragen von Kultur, Identität und Zugehörigkeit in der Gegenwart aufgeladen ist. Das IfEE erkennt die Bedeutung der historischen und etymologischen Spurensuche an, die von Historiker*innen und engagierten Aktivist*innen vorangetrieben wurde und wichtige Details über die Genese des Straßennamens zutage gefördert hat. Für das Institut stellen diese Rekonstruktionsversuche jedoch nur den Ausgangspunkt und keinen Endpunkt der Diskussion über die (Un-)Angemessenheit des Namens dar. Die Bedeutung des M*-Begriffs hat sich durch die Jahrhunderte gewandelt. In der Auseinandersetzung mit dem Straßennamen ist es zentral, seine Geschichte aus der Gegenwartsperspektive zu betrachten.

Des Weiteren sind Mitarbeitende des IfEE davon überzeugt, dass sich die Ethnologie, die sich seit ihrer Gründung als akademisches Fach im 19./20. Jahrhundert mit dem Erkunden und dem Verstehen des 'Anderen' und Vorstellungen des 'Fremden' befasst, mit besonderer Verantwortung kritisch in die Diskussion einbringen sollte. Denn die Geschichte der Ethnologie ist durch diese Wissensproduktion über 'Andere' außerhalb Europas und den durch sie institutionalisierten ethnographischen Sammlungen von Objekten und menschlichen Gebeinen aus nicht-europäischen Gesellschaften vielfach mit der europäischen Expansion und dem deutschen Kolonialismus verstrickt. Eine Europäische Ethnologie ist hier besonders gefordert, den Blick reflexiv auf eine von Europa ausgehende, aber auch auf Europa zurückwirkende Kolonialgeschichte zu richten und die anhaltende Gegenwart dieser Geschichte kritisch zu beleuchten.

Das IfEE kann sich mit neuen, der Disziplin entspringenden Perspektiven in den Diskurs einbringen, um einen öffentlichen Wandel zu fördern und zur Verschiebung der Debatte von einer Auseinandersetzung mit kulturellem Erbe und Erinnerungskultur hin zu einem Austausch über Kultur, Differenz, Identität und Zugehörigkeit beizutragen.